Japan 8

Juli 14, 2017 at 2:29 pm (Aktuelles)

Am Vorabend meines letzten Tages in Kyoto – unmittelbar nach meiner Rückkehr von Hiroshima – verbrachte ich noch geraume Zeit am riesigen Bahnhof von Kyoto. Dieser lädt zur ausgiebigen Erkundung ein. Vor allem nachts, wenn alle Lichter leuchten, zeigt dieses Gebäude eine ungeahnte Schönheit. Von Rolltreppen vorbei an Glitzerskulpturen bis in den zehnten Stock getragen, hat man immer bessere Sicht hinab in die Haupthalle mit ihrem gewölbten Dach. Auf dem Skywalk kann man ebendiese Halle nun elf Stockwerke über dem Boden überschreiten und auf das winzige Geschehen dort unten hinabblicken. Gleichzeitig hat man beste Aussicht auf das nächtliche Kyoto in Norden, vor allem auf den in allen Farben strahlenden Kyoto Tower.

Noch ein bisschen höher liegt der weitläufige Skygarden. Im schummrigen Licht der Laternen kann man ihr die Silhouetten so manchen japanischen Pärchens zwischen den Palmen ausmachen. Eben erhob sich der Mond orangefarbenen über den östlichen Hügeln. Ein weiteres Licht unter vielen. Ruhige, schöne Musik drang aus versteckten Lautsprechern. Der Wind wehte durch die Palmen. Wie romantisch doch so ein Bahnhofdach sein kann. Nahebei liegt die bunte Restaurant-Meile „The Cube“, wo man sich glänzend verköstigen kann.

Über breite, mit abertausenden LED-Lichtern bestückte Treppen hüpfte ich zurück nach unten. Dabei hatte ich stets, das allmählich näher rückende, doch immer noch winzige Treiben der Haupthalle vor mir. Ein Blick zurück hinauf vom Fuße der Treppe ließ innehalten. Die vielen LED-Leuchten ließen diese nicht nur strahlen, sondern schier lebendig werden. Eben waren alle Stufen in glitzerndes Blau getaucht. Dann, plötzlich, stürzt sich von oben her eine Welle aus Türkis hinab in die Tiefe. Und dieses Meer, das nun entsteht, wird plötzlich von leuchtenden Fischen bevölkert, die fröhlich über die Stufen gleiten. Auch das Wasser selbst bewegt sich in gemächlichen Wogen. Und unten stehen die Menschen am Fuße der Treppe mit offenen Mündern. Fantastisch.

In meinem Ranking der schönsten Bahnhöfe der Welt, schob sich Kyoto Station in diesen Augenblicken ganz nach oben, zumindest was den Gesamteindruck betrifft. Würde man allein die Außenansicht des Gebäudes als Kriterium nehmen, so liegt ein anderer Bahnhof wohl uneinholbar an erster Stelle. Nichts kann wohl mit dem dunklen, monumentalen Charme von CST mithalten – dem Chhatrapati Shivaji Terminus von Mumbai, den ich vor zweieinhalb Jahren erkunden durfte.

Es wurde Nacht und es wurde Tag. Ich machte auf, meinen letzten in Kyoto zu verbringen. Es gibt noch viel zu sehen. Man könnte noch eine Woche bleiben und hätte längst noch nicht alles gesehen, das Sehenswert war. Selbst für alle Weltkulturerbestätten würde man viel mehr Zeit benötigen, als ich zur Verfügung hatte. Es galt also zu wählen. Gewiss gab es noch genug schöne Tempel, doch der Tempel war ich überdrüssig. Viel reizvoller fand ich jene Stätten, die Natur- und Kulturerlebnis miteinander verbinden. So traf ich also eine Wahl.

Nach gutem Frühstück brachte mich eine Vorortbahn nach Nordwesten, dorthin wo der Hozu-gawa Fluss den Bergen entweicht und sich in das Becken von Kyoto ergießt. Hier gab es einiges zu sehen, vor allem aber die berühmte Bamboo Grove, eine durch dichten Bambuswald führende Straße. Hoch türmte sich der Bambus beidseitig nach oben und schloss sich zum Blätterdach über der Straße. Schön war der Blick die dünnen, harten Bambusstämme entlang in den Wald hinein. Am Ende dieser schönen Bambus-Allee liegt das Anwesen von Okochi Denjiro, einem berühmten japansichen Samurai-Film-Star, der von den dreißiger bis in die sechziger Jahre gewirkt hatte. Hier, am Hügelrand von Kyoto, hatte er sich einen wunderbaren Garten geschaffen, den man heute besichtigen kann. Ein schöner Ort. Über schmale Pfade wandelt man die Gärten empor, genießt schöne Aussicht auf Nah und Fern. An manch schöner Stelle verharrte ich minutenlang, erblickte Pilze und Insekten oder schaute weit in die Ferne, wo man im Osten das Becken von Kyoto und dahinter die östlichen Hügel erblickte. Auch den Daimonji, auf dessen Gipfel ich vor wenigen Tagen gestanden hatte, konnte man sehen. Auch nach Westen hin gab es Aussicht. Man blickte dort weit hinein ins schöne, grüne Tal des Hozu-gawa, sah einen kleinen Tempel am gegenüberliegenden Hügelrand, vor allem aber hochaufragenden, dichten Dschungel. Auch Affen gab es hier. Schilder warten vor ihrer Diebeskunst. Zu Gesicht bekam ich keinen. In der Hitze war es ihnen wohl zu heiß.

Während ich den Garten durchschritt, stellte ich mir oft die Frage, ob seinen Urheber, diesen Filmstar der Fünfziger vielleicht aus dem ein oder anderen Kurosawo-Film kannte. Handelte es sich vielleicht sogar um den Helden aus Yojimbo, jener Film, der ein paar Jahre später als „Eine Hand voll Dollar“ von Sergio Leone neuverfilmt wurde – vom Eastern zum Western gewandelt. Das Original von Kurosawa ist natürlich besser. Oder kannte ich diesen Schauspieler aus den „Sieben Samurai“, aus „Rojimbo“ oder anderen Kurosawa Meisterwerken? Eine schnelle Google-Suche beim nächsten WLAN Hotspot zeigte mir, dass es nicht so war. Okochi hatte nie mit Kurosawa gearbeitet. Schade eigentlich.

Ich beendete meinen Besuch des schönen Gartens mit seinen versteckten Schreinen und kleinen Bambushäuschen mit einer hervorragenden Tasse Grüntee (im Preis inkludiert).

Unweit des Gartens liegt ein großer, schöner Park, den ich bald emporstieg. Einmal mehr hatte ich schöne Sicht auf Kyoto, vor allem aber hinab zum Fluss in der Gegenrichtung. Auf schmalem, steilem Pfad stieg ich nun hinab zu seinem Ufer und ließ meine Füße eine Zeit lang vom Wasser umspülen. Dabei sah ich so manchen Wasservogel und so manch Bewegung im dichten Wald des gegenüberliegenden Ufers. Weiter flussabwärts kreuzt die große Brücke von Togetsu-kyo den Fluss. Oberhalb der Brücke passiert das Wasser eine Staustufe und wandelt seinen Charakter. Bambusboote laden zum Ausleihen und ein und locken aufs Wasser. Viele Menschen queren die Brücke. Wasservögel und Libellen durchschwirren die Luft. Ein beschaulicher Ort. Um ihn ein wenig länger zu genießen, kehrte ich in einer Gaststätte an der Brücke ein, wo ich hinter großen Panoramafenstern hin zum Fluss ein Mittagessen zu mir nahm. Gekonnt schlürfte ich meine Soba-Nudeln, dass es nur so spritze. (Das muss man so machen, um sich nicht die Lippen zu verbrennen.)

Der Höhepunkt des Tages stand aber noch bevor. Mit der Bahn fuhr ich von Nordwest nach Südost. Was hier in den Hügeln verborgen liegt, ist erstaunlich. Viele Strömen dorthin. Zurecht. Ich erreichte den Schrein von Fushimi Inari-Taisha. Dieser ist meinen seinen hohen Hallen zwar sehr schön, jedoch keinesfalls die Hauptattraktion des Ortes. Viel faszinierender ist, was sich dahinter in den Hügeln befindet. Ein Netz von Wanderwegen führt in etwa einer Stunde Marsch hinauf zum Gipfel. Doch es sind keine einfachen Wege. Wege wie diese sah ich noch nie. Abertausend organefarbene, mit Schriftzeichen verzierte Tore (auf japanisch: Tori) überspannen den Weg dicht an dicht – so dicht, dass es fast einer Überdachung gleicht. Alle sind einzigartig. Verschiedene Größen, verschiedene Schriftzeichen. Wie Schlangen schlängeln sich die so umwölbten Wege den Wald hinauf. Es müssen tausende sein. Dazwischen begegnen den hier Wandernden fast ebensoviele Füchse aus Stein. Dem Fuchs kommt in der lokalen Mythologie eine besondere Bedeutung zu. Einerseits ist er ein Bote der Getreidegottheit, andererseits vermag er dämonengleich von Menschen Besitz zu ergreifen, in dem er einem unter die Fingernägel kriecht und dort in den Körper eindringt. Eine Unzahl von steinernen Füchse grinste mich im orangenen Tunnelgang an. Ein jeder einzigartig. Mal neu, mal alt und vom Moos überwuchert. Am Weg liegen auch beschauliche Schreine, Teiche und schöne Aussicht hinab auf die Stadt. Hauptattraktion bleibt aber der Weg selbst mit seinen tausenden Tori. Faszinierend.

Es war viel los. Anfangs war ich noch von Horden von Touristen umgeben und fürchtete, dass dieser Umstand nicht nur ein Fotografieren der Tori ohne Menschen im Bild, sondern auch das Wahrnehmen des wahren Charakters des Ortes unmöglich machen würde. Doch desto weiter man den Wegen folgt, desto höher man den Wald hinauf steigt, umso weniger werden die Menschen, umso spärlicher Werden die Begegnungen. Nahe dem Gipfel hatte ich den orangenen Pfad im dichten Wald stellenweise ganz für mich allein. An manchem Ort verharrte ich, beobachtete Spinnen und Vögel und wartete darauf, dass wieder jemand käme. Dunkle Wolken hatten sich inzwischen vor die Nachmittagssonne geschoben. Gelegentlich grollte der Donner. Mein Weg wurde schummrig. Der mystische, unheimliche Charakter des Pfades unter den Tori zeigte sich stets deutlicher. Daran konnten auch die gelegentlichen Getränkeautomaten am Wegesrand nichts ändern. Hämisch grinsten die steinernen Füchse.

Tempel, Gärten und Bahnhof hin oder her -der Besuch dieser Stätte war unleugbares Highlight meiner Zeit in Kyoto.

Von Südwest fuhr ich abermals nach Norden, wo ich in der Abenddämmerung noch ein wenig durch den Tempelbezirk von Daikotu-ji schlenderte. Ich war ganz allein am Weg. Hohe Hallen und steinerne Mauern säumten einen stillen, schattigen Weg zwischen den Tempeln. Ein ruhiger Abschluss.

Nach einem schmackhaften Okonomiyaki im belebten „The Cube“ am Bahnhof, nahm ich zum letzten Mal den nun schon so vertrauten Bus mit der Nummer 206 zu meiner Bleibe. Morgen früh würde ich Kyoto nach sechs Nächten endgültig verlassen.

 

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