Japan 9

Juli 15, 2017 at 10:22 am (Aktuelles)

Um 6:01 stieg ich in den Bus zum Bahnhof. Um 6:42 stieg ich in den Shinkansen nach Norden. Noch wollte ich nicht nach Tokyo zurückkehren. Zwei Orte wollten noch besucht werden: ein Berg und ein Ozean. Zuerst kam der Ozean.

Es war schon wieder über drei Jahre her, dass ich den Pazifik zum letzten Mal berührt hatte. Zum ersten Mal hatte ich ihm im November 2001 erlebt. Als Fünfzehnjähriger war ich in seiner Mitte auf den hawaiianischen Inseln gestanden. Das zweite Mal hatte ich ihn an seinem östlichen Ende erlebt, im Jahr 2014 and der kalifornischen Küste. Von San Francisco bis San Simeon war ich den Highway 1 nach Süden gefahren, den Pazifik stets zu meiner Rechten. An der Steilküste westlich der Golden Gate Bridge war ich herumgeklettert und hatte einen Kolibri gesehen. Nun, das dritte Mal, würde ich den Pazifik in seinem äußersten Westen (im fernen Osten) berühren. Natürlich könnte man einfach nur zum Strand gehen. Reizvoller schien es mir jedoch, gleich mit einem Schiff eine Stück weit ins Meer hinauszufahren, um dort auf einer Insel zu nächtigen und im Zuge dessen noch schnell einen Vulkan zu besteigen.

Der Shinkansen brachte mich in die Hafenstadt Atami. Vom Bahnhof bis zum Fährhafen waren es etwa fünfundzwanzig Minuten Fußmarsch. Man hätte auch mit dem Bus fahren können, aber ich hatte Zeit und es war durchaus angenehm, die engen Gassen der Hafenstadt zur breiten Standpromenade hinabzusteigen und dieser bis zur Fähre zu folgen. Kurz darauf saß ich schon in einem Boot, das mit 80 km/h die Wellen durchschnitt und schon bald die Vulkaninsel Oshima erreichte. Diese liegt weit ab von den üblichen Touristenrouten. Schon im Kabuki-Theater von Osaka war ich wohl der einzige Zuseher nichtjapanischen Ursprungs gewesen. Auf der Fähre nach Oshima – der größten der Archipels Izu – erging es mir ebenso. Vom Ladungssteg im Hafen von Motomachi aus hatte man schönen Blick auf die Küste und hinauf in Richtung Vulkan, dessen Gipfel in den Wolken lag. Angenehm war der starke Wind, der mir frische, salzige Meeresluft ins Gesicht blies.

Oshima ist etwa 90 Quadratkilometer groß und hat zwei Häfen. Je nach Wind- und Strömungsverhältnissen legen die Fähren entweder im Hafen von Motomachi oder im Hafen von Okata an. Das wird jeden Morgen neu entschieden. Im erstgenannten Hafen war ich heute angekommen. In zweitgenanntem lag meine Unterkunft. Die kleine, dünnbesiedelte Insel verfügt zum Glück über ein Busnetz. Eine Linie umrundet die Insel in etwa einer Stunde, eine zweite führt hinauf zum Vulkan. Im Vergleich zu den öffentlichen Verkehrsnetzen von Tokyo oder Kyoto war dies denkbar einfach.

Angekommen in Okata – ein schönes, kleines, in einer kleinen Bucht gelegenes Hafendorf mit Strand – ließ ich mein Gepäck im Hotel und begab mich leichtfüßig auf eine lange Wanderung. Ein Stück weit konnte ich mit dem Bus fahren. Ich war der einzige Fahrgast. Der freundliche, alte Fahrer brachte mich hinauf zum Ende der Straße ein paar hundert Meter unterhalb der Vulkan-Caldera. Auf den Weg hinaug gab es wunderbare Aussicht: über dem saftigen, hellleuchtenden Grün der Insel das tiefe, schöne Blau des Ozeans. Wunderbar. Als ich aus dem Bus stieg, gab es jedoch keine Aussicht mehr. Es war kühl. Kalte, Nebelschwaden wehten mir ins Gesicht. Auf zum Gipfel.
Ohne jemandem zu begegnen bahnte ich mir meinen Weg hinauf in Richtung Vulkan-Caldera. Auffällig waren die vielen schönen Blumen (Ich muss noch herausfinden, welche Pflanze dies ist.), die überall am Wegesrand blühten. Einmal sah ein Tier, eine Art kleines Reh, vor mir im Nebel den Weg kreuzen. Trotz der fehlenden Aussicht auf den Pazifik und den Rest der Insel, die von hier aus zur Gänze überblicken könnte, war die Wanderung schön und vor allem herrlich erfrischend. Der kühle Nebel tat gut. Schön beim Hochsommerwandern in Japan einmal nicht schweißnass sondern nebelnass zu sein. 

Bald sah ich am Wegesrand die ersten eingetrockneten Lavaflüsse. Immer größere Basaltbrocken säumten den Weg. Nach etwa 40 Minuten Marsch durch den Nebel erreichte ich die Caldera, von wo man bei gutem Weg hinab in den immer noch dampfenden Krater blicken könnte. Im Jahre 1986 – als ich ein Jahr alt wurde – war hier alles voller Lava gewesen. Sämtliche Bewohner*innen der Insel waren damals evakuiert worden. Ich umwanderte den Krater auf etwa 700 Metern Seehöhe. Schließlich, vom Nebel schon ganz durchnässt, begann ich den Abstieg entlang des sogennanten Desert Trails. Nördlich des Vulkans wandert man in der Tat durch eine Art Wüste. Der Ausbruch hatte vor dreißig Jahren sämtliches Erdreich zerstört. Noch hatte die Vegation noch nicht genug Zeit gehabt, wieder Wurzeln zu schlagen und neues Erddreich zu schaffen. Man wandert durch eine Wüste zerbröckelnder Lava von einst. Der übliche Effekt des scheinbaren Durchwanders mehrerer Klimazonen beim Herabsteigen von hohen Bergen war hier auf Oshima noch einmal verstärkt. Desto weiter oben man sich befindet, umso mehr Erddreich war vom Vulkanausbruch verdrängt worden. Binnen zwei Stunden in denen ich vom Krater talwärts wanderte, durchquerte ich eine sich stets wandelnde Landschaft: zuerst Wüste, dann Steppe, Savanne und schließlich dichter grüner Wald. Und dann das Meer. Nicht nur optisch war dieser Wandel zu spüren. Vor allem die Geräuschkulisse änderte sich dramatisch. Die Stille der Höhe wich bald dem Schwirren erster Insekten. Mit den Bäumen kamen lautere Zikadenarten. Im dichten Wald herrschte schließlich ein wundersamer Lärm. Oft verharrte ich einige Minuten lang und lauschte faszinierenden Tönen – stets ratend, welches Tier wohl der Urheber davon war. 

Schon als ich noch durch die schwarze Wüste schritt, ließ ich Wolken und Nebel hinter mir und sah vor am Horizont wieder das Blau des Pazifiks. Aus dem Kontrast von Schwarz und Blau wurde bald ein Kontrast von Grün und Blau. Stetig näher rückte das Meer. Als die Bäume sich immer weiter in die Höhe streckten verlor ich das Blau wieder aus den Augen. Dann endlich gab mich der Wald frei und ich blickte auf die Wellen. Schön. Eigentlich hätte ich mich nach langem Marsch gleich ins Wasser stürzen wollen, doch die Steilküste bot keinen geeigneten Platz. Ich wandere nordwäich, zurück in Richtung Okata. Entlang einem halbverfallenem, spannenden Küstenpfad durchschritt ich Bucht um Bucht, bestieg Fels um Fels. Es dämmerte. Das Blau von Meer und Himmel veränderte sich allmählich. Schön war die Aussicht auf den sich stets wandelnden Horizont. Bald folgte ich einer Straße weiter nach Norden. In eineinhalb Stunden sah ich drei Fahrzeuge. Mehr war nicht los. Als ich nach Stunden Okata erreichte war es schon fast dunkel. Im letzten Licht des Tages stieg ich hinab zum Hafen mit dem nahen Strand und beendete diesen schönen Wandertag mit einem Bad im Pazfik. Den Strand hatte ich ganz für mich allein. Wunderbar.

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