Japan 10

Juli 16, 2017 at 12:41 am (Aktuelles)

Der Morgen begann wie der Abend geendet hatte – mit einem Sprung in die Wellen. Die Sonne stand um halb sieben Uhr morgens schon sehr hoch, ging sie doch bereits gegen vier Uhr auf. Es war schon heiß und hell, doch alles schlief. Wieder war ich ganz allein am Strand. Ich durchschwamm die kleine Bucht und blickte hinaus auf das weite Meer, das sich von hier bis nach Amerika erstreckt. Bis zum nächsten Mal, Pazifik, du Ozean, der den Frieden im Namen trägt.

Es erstaunlich, dass es so nahe der Metropolen von Tokyo und Yokohama eine so verlassene Insel wie Oshima gibt. Wieso findet man hier nicht mehr Hotels und Touristen? Vielleicht ist der Vulkan daran Schuld. Und jene, dich doch kommen, sind meist Japaner. Kaum jemand spricht Englisch. Schön ist es hier.

Von der Aussichtsplattform oberhalb des Hafens konnte man an diesem Morgen bis nach Honshu sehen. Ich sah die zerklüftete Küste der Halbinsel Izu und dahinter halb von Wolken versteckt die Umrisse des Fuji. Wenn alles gut ging, würde ich heute Abend auf seiner mir ferneren Seite an einem Gebirgssee weilen. Die Reise begann.

Mit den hochkomplexen, öffentlichen Verkehrsnetzen von Kyoto, Tokyo und Osaka war ich glänzend zurechtgekommen. Dass mir nach alledem ausgerechnet das Busnetz der Insel Oshima mit seinen drei Linien Schwierigkeiten machen würde, war recht unerwartet. So geschah es aber. In Okata, wo stündlich gerade einmal zwei Busse hielten, gelang es mir, den falschen zu erwischen und eine unfreiwillige Fahrt entlang der Ostküste zu machen. Das war unagenehm. Die Zeit drängte. Um 9:55 würde meine Fähre nach Atami (die einzige des Tages) vom Hafen in Mitomachi ablegen. Zwar käme ich auch mit dem fälschlich bestiegenen Bus nach Mitomachi – allerdings erst um 9:50. Und der Kai zwischen Bushaltestelle und Fähre war lang. Dem beherzten Einschreiten des Busfahrers, der kein Wort englisch sprach, ist es zu verdanken, dass trotzdem alles gutging. Als der Bus verspätet um 9:53 im Hafen ankam, durfte ich in ein vom Fahrer organisiertes Auto springen, das den Kai entlangraste und hupend die Fähre zum Verweilen brachte. Ich sprang auf das Schiff und wir legten ab. Erleichtert genoss ich die Überfahrt über das blaue mehr. Er hat sich gelohnt, mein Abstecher nach Oshima.

Zurück auf Honshu lief alles ganz einwandfrei. Ein Bus brachte mich zu Bahnhof, ein Shinkansen weiter nach Yokohama, Regionalzüge über Hachioji und Otsuki nach Kawaguchiko. Noch vor drei Uhr Nachmittags war ich da, hier in dieser kleinen Stadt am großen See. Ich befand mich in der Fünfseenregion nördlich des Fuji. Der Ort versprach wunderbare Sicht auf den legendären Berg, welcher mit 3776 m Höhe auch der höchste Berg Japans ist. Immer noch wird der Fuji als aktiver Vulkan gelistet. Der letzte große Ausbruch liegt dreihundert Jahre zurück. 

Vorerst hielt sich Fujisan – wie ihn die Japaner nennen – noch hinter Wolken verborgen. Ich hoffte inständig,  dass sich dies bis morgen noch ändern würde. 
In der Zwischenzeit suchte ich mein Hotel direkt am See auf und badete in dessen ach so heißem Onsen – dem Thermalbecken. Sogar einen Yukata bekam ich zur Verfügung gestellt. Auch mein schönes, großes Zimmer bot direkten Blick auf Fujisan oder zumindest auf die Wolken,  hinter denen er sich versteckte.

Gegen fünf Uhr nachmittags brach ich zu einem Spaziergang rund um den kleineren Teil des von einer hohen Brücke überspannten Sees auf. Bevor ich die Brücke in Angriff nahm balancierte ich noch ein bisschen auf den Steinen einer hotelnahen Halbinsel herum. Beim Blick zurück auf Fujisan sah ich dann plötzlichen, dass der Kraterrand über den Wolken erschienen war.

Ich wanderte weiter und mit jedem Schritt wurde die Aussicht schöner, teils weil die Wolken sich verzogen, teils weil ich immer mehr See zwischen mich und Fujisan brachte. Vom gegenüberliegendem Ufer aus gesehen war der Berg schließlich komplett wolkenfrei und wunderschön. Regelmäßig steiler werdend erhob sich Fujisan aus den umliegenden Wäldern. Einzelne, weißblitzende Schneezungen reichten vom Kraterrand bis weit hinab über die basaltenen Wüsten. Ein fantastischer Anblick. Fujisan ist nicht nur der meisbestiegene Berg der Erde, er ist auch der meistgemalte, meistfotografierte Berg der Welt. Er ist einfach schön. Der See selbst mit seinen umliegenden Hügeln und seinem Reichtum an schönen Uferpflanzen ist natürlich auch schön, jedoch gerät all dies schnell außer Acht, wenn Fujisan das Blickfeld dominiert.

Ich beendete meine Wanderung mit stetigem Blick auf den Fuji. Ich aß im obersten Stockwerk meines Hotels mit stetigem Blick auf den Fuji, der im Abendrot glühte. Ich saß noch lang an meinem Zimmerfenster mit stetigem Blick auf den Fuji. In der Dunkelheit ließen sich die Lichter einzelner Wandernder erkennen. Man bestieg Fujisan vorzugsweise nachts um gegen vier vom Gipfel aus den Sonnenaufgang zu erleben.

Gegen zehn legte ich mich noch einmal ins heiße Wasser des hoteleigenen Onsens und dachte daran, dass ich gestern Abend nocg im Meer geschwommen war.


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