Japan 11

Juli 16, 2017 at 9:32 am (Aktuelles)

Ich erwachte zum ersten Mal gegen vier Uhr morgens, setzte mich ans Fenster und betrachtete den immer noch wolkenfreien Fuji im Morgenrot. Ich erwachte zum zweiten Mal um sechs Uhr morgens und setzte mich wieder ans Fenster. Auch beim Frühstück hatte ich wieder Blick auf den Berg und seine glitzernden Schneezungen. Da mein Hotel überhaupt nicht auf westliche Gäste ausgerichtet war, gab es beim Frühstücksbuffett, das sehr dem Abendbuffet glich, nicht eine einzige Speise, die in Europa als Frühstück gelten würde. Ausnahme war nur der Kaffee. Gebäck, Brot oder gar Aufstriche oder Müsli waren hier nicht zu finden. Es schmeckte trotzdem.

Den See entlang spazierte ich zur kleinen Seilbahn, welche Besuchende auf eine Aussichtsplattform auf einem der Hügel auf knapp über 1000 Meter bringt. Inzwischen hatten sich vor dem Fuji erste Wolken gebildet und ich hoffte noch rechtzeitig oben zu sein, bevor der Berg ganz verschwunden war. Das gelang auch. Zumindest den halben Kraterbereich konnte ich noch sehen. Mit einem Fernrohr studierte ich die Schneezungen und den Kraterrand. Auch der Blick hinab auf den großen See Kawaguchiko war schön. Die Auffahrt hatte sich gelohnt.

Wieder unten suchte ich noch das Fujisan Heritage Center auf. Dieses schöne Museum vermittelt auf intetaktive Weise alles, was es über den Berg zu wissen gibt: seine geologische Entstehungsgeschichte, seine Fauna und Flora, seine Bedeutung in Literatur und Malerei, seine religiöse Bedeutung, seine Wege und Steige, seinen Mythos. Fast war ich versucht, meine Pläne zu ändern und Fujisan doch noch zu besteigen. So groß war die Herausforderung nicht. Bis auf etwa 2300 Meter geht ein Bus. Für den Rest braucht man etwa fünf Stunden.  Konditionell also gar kein Problem. Aber nein. Meine Unterkunft zurück in Tokio war schon gebucht, ich hatte keine Bergschuhe mit und meine Füße waren noch beleidigt von der vorgestrigen Vulkanbesteigung auf Oshima. Außerdem würde man auf dem Fuji gewiss keine Bergeinsamkeit finden. Die offizielle Besteigungssaison hatte eben begonnen. 100.000 Besteigungen in nur zwei Sommermonaten, das heißt mehrere Tausend Wandernde pro Tag. Und Wochenende hatten wir auch noch. Der Aufstieg auf Fujisan gliche wohl eher einem Marsch in Kolonnen. Irgendwie freute ich mich auch wieder auf Tokyo. Ich bin aber guter Dinge, Fujisan nicht zum letzten Mal erblickt zu haben. Und beim nächsten Mal würde ich auch an seinem Kraterrand stehen.

Nach gutem Tempura-Mittagsmahl in Kawaguchiko bestieg ich den Zug und erreichte, die Berge hinter mir lassend, binnen zwei Stunden das seltsam vertraut wirkende Tokyo.

Meine Unterkunft lag diesmal im Stadtteil Ginza, in einem Hochhaus gleich gegenüber dem großen Kabuki-Theater von Tokyo. 

Es dämmerte schon, doch eben dies ist die Zeit, in der Tokyo vielleicht am schönsten ist. Mit dem überirdisch zwischen den Wolkenkratzern herumkurvenden und schließlich nach einer 360-Grad Schleife über die hohe Rainbowbridge brausenden Skytrain fuhr ich in den Stadtteil Odaiba, welcher in die Bucht von Tokyo hineingebaut ist. Schön ist es, zur blauen Stunde hoch über Straßen und hoch über der Bucht dahinzuschweben. Der Strand von Odaiba mit seiner unerwartet schönen Aussicht, gehört wohl zu meinen schönsten Tokyo-Erlebnissen. Vor dem Hintergrund einer malerischen Wolkenformation im Abendrot, erhob sich die Rainbow-Bridge hoch übers Wasser. Darüber und dahinter leuchteten die Wolkenkratzer. Das Wasser war voll mit bunten Booten, deren Passagiere ebenfalls den schönen Ausblick genossen. Ich setzte mich an den Strand und sah lange dabei zu, wie der Himmel immer dunkler und Rainbow Bridge und die Stadt dahinter immer leuchtender wurden. Ringsum herrschte ausgelassene Stimmung. Jugendliche spielten Volleyball, jüngere Jugendliche beschossen sich mit Spritzpistolen. Einmal wurde ich vom Ball getroffen, einmal vom Wasser. Es störte mich nicht. Ich verbrachte noch eine Weile in Odaiba. Ein Spaziergang den Strand entlang brachte mich zur elf Meter hohen Kopie der Freiheitsstatue von New York, welche vor dem Hintergrund der Rainbow-Bridge farbenfroh leuchtete. Mit ebendiesem Bild vor Augen aß ich zu Abend und wanderte dann weiter durch die Alleen und Parkanlagen Odaibas. Hier fand ich das große Riesenrad, das mir schon vor fast zwei Wochen von der Aussichtsplattform des Tokyo Sky Tree aufgefallen war. 1999 war es das größte seiner Art gewesen. Farbenfroh drehte es noch immer gemächlich seine Runden. Natürlich stieg ich ein, drehte eine Runde mit (16 min. pro Umdrehung) und freute mich, das nächtliche Tokyo ein letztes Mal auf dieser Reise von oben zu sehen. Etwas später brachte mich der Skytrain zurück zum Bahnhof Shimbashi. Ein nächtlicher Spaziergang führte mich nach Ginza in meine Unterkunft.


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