Happy Birthday, Europe

März 25, 2017 at 9:44 am (Aktuelles, Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

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Heute vor sechzig Jahren wurde mit der Unterzeichnung der römischen Verträge ein Projekt in die Wege geleitet, dem ich stets und immer noch mit Begeisterung begegnen konnte und kann: das Projekt der Europäischen Vereinigung. Dass ausgerechnet die Staaten des kleinen europäischne Kontinents, die stets so geschichtsprägend, aber auch immerwährend verfeindet waren, die einander in hunderten Kriegen bekämpften, nun in einer Union des Friedens und der Stabilität aufgehen – dies ist ein weltgeschichlich wunderbarer Ereignis.

Wie schön ist es da, dass ausgerechnet jetzt, nach Jahren der Krise, nach Brexit und Stagnation auf allen Ebenen, der Wind allmählich wieder dreht. Ein Frühling zieht auf. Vielleicht sieht man ihn in folgenden Zahlen:

  • Wenn sie über die Mitgliedschaft ihrer Nation in der EU abstimmen dürften, würden sich derzeit 70% aller EU-Bürger*innen für die Union entscheiden (vor einem Jahr waren es nur 65%)
  • 66 % aller EU-Bürger*innen geben an , dass Freund*innen und Kolleg*innen positiv über die Union sprächen (vor dem Brexit waren es nur 47%)
  • 61% der Deutschen halten viel oder sehr viel von der EU (Umfrage im Auftrag des Deutschen Bankenverbandes) – vor neun Jahren waren es nur 51%
  • 63% der EU-Bürger*innen denken, dass sich der Euro bewährt hat
  • Nach langer Krise wächst in allen Mitgliedsländern der EU die Wirtschaft wieder, die Staatsdefizite sinken, die Arbeitslosenquote auch
  • Nach Erhebungen der OECD gehören Spanien, Griechenland, Portugal und Irland zu den weltweiten Spitzenreitern im Umsetzen von wirtschaftlichen Reformen

(Quelle: Die ZEIT)

Fast scheint es, als würde Europa im Angesicht von Brexit, Trump und Erdogan wieder zu sicher selbst finden, wieder mehr Selbstbewusstsein erlangen. Auch politisch gibt es immer mehr Anzeichen für eine Revitalisierung des Europäischen Gedankens.

  • in den Niederlanden haben proeuropäische Parteien die Wahlen klar gewonnen. Vor allem junge Menschen stellten sich dort dediziert gegen Wilders.
  • in Frankreich zeichnet sich ein klarer Sieg vom Emmanuel Macron ab, einem dediziert proeuropäischen Kandidaten, der die Wände der Hallen seiner Wahlveranstaltungen mit EU-Flaggen behängen lässt (laut neusten Umfragen könnte er sogar im ersten Wahlgang schon vor Le Pen liegen.)
  • in Deutschland zeichnet sich durch das Wiedererstarken der SPD ein Kopf-an-Kopf rennen zweier dediziert proeuropäischer Parteien ab
  • in Rumänien haben hundertausende proeuropäische Demonstrant*innen ein klares Zeichen gegen Korruption gesetzt und den Rücktritt von Ministern erwirkt
  • vor all diesen Entwicklungen kam aber Östtereich, wo Van der Bellen mit dem Bekenntnis zu europäischer Zusammenarbeit obsiegte

Wer hätte das gedacht? Nacht dem fatalen Jahr 2016 scheint uns 2017 nicht wie von vielen erwartet das Ende des Europäischen Gedankens und die Renationalisierung Europas zu bringen. Der Wind dreht. Europa erwacht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass nach den Wahlen in den Niederlanden auch jene in Frankreich und in Deutschland zu einer Stärkung der Europäischen Union führen werden. Und ich blicke frohen Mutes auf meinen Balkon, wo die zwölf Sterne auf blauem Grund im Wind flattern.

Zum Abschluss noch ein Zitat aus dem dieswöchigen Leitartikel der ZEIT, der mich sehr gefreut hat.

„Die glücklichsten Menschen leben in: Europa. Die lebenswertesten Städte liegen in: Europa. Die beste Gesundheitsversorgung gibt es in: Europa. Aus Europa kommen die meisten börsenorientierten Unternehmen und die meisten Olympiasieger. Nur eines fehlte in Europa zuletzt: das Selbstbewusstsein.“

Allmählich aber erwacht auch dieses. Happy Birthday. Bon anniversaire. Schönen, sechzigsten Geburtstag.

And here’s the good old Ludwig van:

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Anstoß zur demokratischen Erneuerung

Februar 26, 2017 at 3:11 pm (Aktuelles, Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen) (, , , , , , )

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Der Gedanke ist nicht neu. Er ist alt – so alt wie die Demokratie. Einst war er ihr Herzstück. Doch dann geriet er in Vergessenheit – wurde vom Staub zweier Jahrhunderte verschüttet. Nun beginnt man, ihn allmählich wieder auszugraben. Kann er dazu dienen, die Demokratie zu stärken, neu zu beleben, zu retten gar? Ich denke schon. Graben wir mit!

Das Gefühl, etwas sei faul im System der elektoral-repräsentativen Demokratie, gewinnt an Stärke. Jene Volksvertreter*innen, die alle Jahre wieder von medial aufgebauschten Wahlritualen in die Parlamente und Räte der demokratischen Welt gespült werden – vertreten sie wirklich „das Volk“? Will heißen: Sind sie legitime Repräsentant*inn*en der Menschen, die sie gewählt – oder nicht gewählt – haben? Im amerikanischen Kongress findet man hauptsächlich Milliardäre, Unternehmer und Anwälte. Wo ist der Rest der Gesellschaft? Wo sind die Arbeiter*innen, die Künstler*innen, die Wissenschaftler*innen, wo die Bauern und Bäurinnen? Wo ist der Rest des Lebens? In vielen europäischen Parlamenten sieht es kaum besser aus.

Längst hat ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft dies satt. Man übt sich in Politikverdrossenheit und Demokratiemüdigkeit. Man mag nicht mehr wählen. Man wettert gegen die Elite in den Gremien der Obrigkeit, glaubt sich nicht mehr vertreten, sondern verraten und verkauft. Man hetzt gegen den ungeliebten Typus des Berufspolitikers, den kaum mehr etwas mit den tatsächlichen Ängsten und Nöten der Bevölkerung zu verbinden scheint.Von rechts und links außen kommt immer häufiger die Forderung nach Volksabstimmungen, nach mehr „direkter Demokratie“. Hin und wieder wird dem auch stattgegeben, was oft in Katastrophen endet (z.B. Brexit, Ablehnung des kolumbianischen Friedensabkommens, etc).

Dass eine Volksabstimmung – ein Referendum zu einem heiklen, komplexen Thema – von vornherein eine höchst fragwürdige und bedenkenswerte Angelegenheit ist – zu dieser Einsicht bedarf es wirklich keiner hohen kognitiven Leistung. Man kann doch nicht das Bauchgefühl der großteils uninformierten Masse über Themen entscheiden lassen, zu deren Begreifen und Abwägen es intensiver Ausandersetzung bedarf. Viel zu viel Macht fließt dabei den populären Stimmungsmachern und Sensationsmedien zu. Eine Volksabstimmung zu einem komplexen Sachverhalt wird so meist zum Sieg des Postfaktischen, zum Triumph von Mythen über Fakten, zur Niederlage des Intellekts.

Was weiß man als Durchschnittsbürger*in schon von CETA und TTIP, was wusste man als  Durchschnittsbrite oder -britin über die Risiken des Brexit? Und doch kann man ihm sein Nichtwissen nicht zum Vorwurf machen.

Eine Frechheit wäre es, der breiten Masse zuzumuten, sich neben alltäglichen Sorgen, mit den komplexen Zusammenhängen mancher Brennpunktfrage unserer Zeit zu beschäftigen.

Naiv und kurzsichtig. Das Einarbeiten in die Komplexität der Gegenwart, um zu Entscheidungen zugunsten der Allgemeinheit zu gelangen – genau das ist der Job der Volksvertreter*innen, der Repräsentant*inn*en in den Parlamenten. Doch diese tun dies oft nur schlecht, sind gelähmt von Clubzwang und Parteipolitik, von Wählerstimmenfang und vom Interesse der politischen Karrieren. Legitime Repräsentant*inn*en der Allgemeinheit sind Parlamentarier*innen kaum mehr. Vielleicht sind sie es auch nie gewesen.

Was also tun? Angesichts der Unwegbarkeiten der demokratischen Praxis fällt vielen wohl nichts anderes ein, als einmal mehr den abgedroschenen Spruch zu bemühen, dass die Demokratie eine schlechte Regierungsform sei – aber leider die beste, die wir haben. Noch vor ein paar Wochen hätte ich wohl ähnlich räsoniert. Doch heute denke ich: Eine funktionierende Demokratie ist eine gute Regierungsform. Doch leider ist die Regierungsform, unter der wir heute leben, eben keine funktionierende Demokratie.

Was? Aber wir haben doch freie Wahlen. Sind Wahlen nicht der Inbegriff einer funktionierenden Demokratie? Nein.

Schon Aristoteles bezeichnete die Wahl nicht als demokratisch, sondern oligarchisch. Rousseau und Montesquieu sahen in ihr ein Perpetuieren der Aristokratie. Demokratisch aber sei ein anderer, ein besserer Weg, ein Weg, der einen echten, repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung in Entscheidungsprozesse miteinbeziehe und dabei zugleich verhindere, dass unreflektiert und uninformiert entschieden werde; ein Weg, welcher Eliten und volksfremden Berufspolitikern das Wasser abgrabe, ein Weg, der so alt sei, wie die Demokratie selbst. Es gibt ein Mittel, ein demokratisches Werkzeug, das – weit besser als Wahlen – zu einer Neubelebung demokratischer Werte und demokratischen Denkens führen kann: das Los!

Ich sehe große Fragezeichen in den Köpfen der Lesenden. Nehmen wir ein Beispiel und machen einiges klar.

Schwierige Entscheidungen stehen an. Home-Ehe, Cannabis-Legalisierung, TTIP – ja oder nein? Mehr öffentliche Videoüberwachung auf Kosten der Privatsphäre – ja oder nein? Natürlich könnte einfach ein Parlament über die Köpfe der Bürger*innen hinweg entscheiden. Man würde dabei viele Proteste und Demonstrationen in Kauf nehmen, Hass schüren, Politikverdrossenheit mehren – oder aber man macht es so:

Per Los werden bundesweit (etwa aus Wählerregistern) insgesamt 101 Bürger*innen bestimmt. Jeder und jede ab dem sechzehnten Lebensjahr sei dazu geeignet. Diese Gruppe – nennen wir sie den „Rat der 101“ – wird nun für ein paar Wochen oder Wochenenden in die Hauptstadt berufen. Diese Tätigkeit ist selbstverständlich mit einer großzügigen Aufwandsentschädigung in der Höhe so manchen Politiker*innen*gehalts verbunden.

Der Rat der 101 ist ein echter Querschnitt der Bevölkerung: Jung und alt, arm und reich, Arbeiter*innen und Ba*uer*inne*n, Pflegekraft und Firmenleitung, homo und hetero, rechts und links – die zufällige Wahl stellt die Heterogenität – die Verschiedenartigkeit – des Rates sicher. Es bedarf keiner ausgefeilten Alogrithmen um sicherzustellen, dass die verschiedenen Gesellschaftsschichten darin vertreten sind – das Los allein reicht aus, um alle mit der ihrer Anzahl gemäßen Wahrscheinlichkeit in den Rat zu wählen. Nichts ist repräsentiver als die Hand des Zufalls – als das Los.

Mehrere Tage lang wird sich der Rat der 101 mit den einzelnen Themen beschäftigen. Vom Rat frei wählbare Fachleute und Kenner*innen der einzelnen Themen informieren ihn intensiv über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Gesetzesentwürfe. Für und wider sollen gehört und in all ihren Facetten beleuchtet werden. Vor allem aber wird viel diskutiert. Man tauscht sich viel aus. Der Rat der 101 symbolisiert eine Art Idealbild der Demokratie. Vertreter verschiedener Gesellschaftsschichten treten miteinander in engen Kontakt, tauschen sich aus, lernen die Ängste und Bedürfnisse des jeweils anderen kennen. Man lernt zu verstehen, lernt, sich eine fundierte Meinung zu bilden.

Nach mehreren Tagen der ausführlichen Diskussion und der Anhörung einer Schar von Expert*inn*en, kommt ein Gesetzesentwurf schließlich zur Abstimmung. Der Rat der 101 stimmt ab. Die Entscheidung soll bindend sein. Nach einer gewissen Zeitspanne von etwa einem halben Jahr endet die Amtsperiode des Rats der 101. Es kommt zum nächsten Losverfahren. Ein neuer Rat wird gezogen.

Dieses Verfahren bietet mehrere Vorteile, die uns in unserer politikmüden Zeit ein Segen sind:

  • Entscheidungen des Rates haben große Legitimität, da sie nicht von einer sogenannten Elite, sondern von einfachen Bürger*inne*n getroffen werden
  • Entscheidungen werden nicht uninformiert auf Basis unreflektierter Emotionen, sondern nach gründlicher Information und Beratung getroffen
  • Da ein jeder und eine jede damit rechnen muss, eines Tages in den Rat der 101 gelost zu werden, steigt das generelle Interesse für Politik und die Themen der Zeit. Größeres Vertrauen in die demokratischen Institutionen sind die Folge. Der Wutbürger hat ausgedient.

Bedenken und Einwände:

  • Aber kann man wirklich darauf vertrauen, dass X-beliebige Bürger*innen zu kompetenten Entscheidungen fähig ist?

Ja. Pilotprojekte dieser neuen/alten Variante der Demokratie in Irland haben gezeigt, dass ein Rat wie der Rat der 101 sehr wohl die große Verantwortung fühlt, die auf seinen Schultern lastet. Der Einzelne spürt die Bürde seiner Aufgabe, versucht so viel wie möglich über das Thema in Erfahrung zu bringen, um eine informierte Entscheidung zu treffen. Dazu gibt ihm die Befreiung vom Alltagsstress ausreichend Zeit. Vor allem aber die Diskussion mit Andersgesinnten anderer Bevölkerungsschichten vermag vieles zu bewirken. Im Versuch andere zu überzeugen, wird man leicht selbst überzeugt. Eine fundierte Entscheidung setzt sich durch.

  • Aber werden sich bildungsferne Schichten und notorische Nichtwähler denn überhaupt motivieren lassen, ohne Zwang bei diesem Rat der 101 mitzumachen?

Ja. Die Möglichkeit, plötzlich Entscheidungsträger zu sein, für geraume Zeit bei heiklen Fragen mitzubestimmen hat einen ungeheuren Reiz. In den Rat der 101 gelost zu werden, gilt als Ehre. Teilnehmer*innen sind hochangesehen. Zudem bietet eine angemessen Aufwandsentschädigung einen weiteren Anreiz.

Die oben geschilderte Variante des Rats der 101 ist nur als ein mögliches Beispiel der Anwendung des Losprinzips zu sehen. Es gibt komplexere, vielleicht bessere Varianten. Mehrere Spielarten, auch Kombinationen von Wahl und Los sind möglich. Ich wählte dieses einfache Beispiel der Anschaulichkeit wegen. Für weitere – ausgereiftere – Spielarten werfe man am besten einen Blick in die unten gelistete Literatur.

Als Name dieser Form der Demokratie, in der das Los und nicht die Wahl als oberstes Prinzip gilt, kann man den Ausdruck „aleatorisch-repräsentative Demokratie“ wählen. Namensgeber sind dabei die Würfel – alea. Als die Demokratie im antiken Griechenland erfunden wurde, war sie tatsächlich von aleatorischer Natur. Die Wahl hatte darin nur eine verschwindend geringe Rolle und galt als undemokratisch. Das Los entschied, wer die Entscheidungen traf. Ähnlich war es auch noch im Venedig des Mittelalters. Der Doge wurde per Los gewählt. Erst die Gründerväter Amerikas machen dem Losverfahren – das einst als Inbegriff der Demokratie galt – den Garaus. Die Folge waren Politikerddynastien und ein System, das oft mehr aristokratisch als demokratisch scheint. Denn auch wenn der Bürger der elektoral-repräsantiven Demokratie wählen darf – er darf nicht wählen, wen er wählen darf. Die Namen auf den Listen, die Spitzenkandidaten und ihre Programme werden fertig vorgelegt – und oft fehlen dabei wichtige Alternativen. Zweihundert Jahre lang galt das Losprinzip als vergessen. Wird es Zeit für dessen Wiederentdeckung?

Auch wenn man von der aleatorisch-repräsentativen Demokratie in ihrer Reinform skeptisch gegenübersteht – ein Versuch wäre es wert. Man will ja nicht gleich dafür plädieren, die Parlamente abzuschaffen. Ein Bürger*innen*rat per Los – ein Rat der 101 als Korrektiv zum gewählten Parlament – wäre schon ein Anfang. Auch auf kommunaler Ebene hat man hier viele Möglichkeiten. Steht eine heikle lokalpolitische Frage an – so führt eine generelle Einwohnerbefragung selten zur besten Entscheidung. Die meisten sind uninformiert. Das Bauchgefühl ist ein schlechter Herrscher. Ein ausgelostes, informiertes Gremium wäre da schon eine bessere Variante – eine Variante, die einen Versuch wert wäre.

Wichtig ist: Die Spielregeln der Demokratie sind nicht in Stein gemeißelt. Wenn die Demokratie erstarrt, dann stirbt sie. Machen wir sie wieder dynamisch. Experimentieren wir. Wenn eine elektoral-parlamentarische Demokratie mit volksfremden Eliten einhergeht und ein Zuviel an direkter Demokratie zu fatalen Beschlüssen gegründet auf uninformiertem Bauchgefühl führt – vielleicht ist es da an der Zeit, jene alte Form des Losverfahrens wieder ins Leben zu rufen. Trauen wir uns, demokratischer zu sein. Experimentieren wird wieder – so wie es die alten Griechen taten. Wagen wir – und würfeln wir. Die beste Regierungsform ist vielleicht doch noch nicht gefunden. Die Demokratie ist gut – aber nicht so, wie wir sie betreiben.

„So gilt es, will ich sagen, für demokratisch, dass die Besetzung der Ämter durch das Los geschieht, und für oligarchisch, dass sie durch Wahl erfolgt.“

Aristoteles

 

„Wahl durch Los entspricht der Natur der Demokratie – Wahl durch Abstimmung der Natur der Aristokratie“

Montesquieu

 

„Das entspricht der Natur der Demokratie […]. In jeder wahren Demokratie ist ein Amt kein Vorteil, sondern eine drückende Last, die man gerechterweise nicht dem einen mehr als dem anderen auferlegen darf. Das Gesetz allein darf sie dem auferlegen, auf den das Los fällt.“

Rousseau

 

Weitere (sehr lesenswerte) Lektüre:

B. Berbner, T. Stelzer u. W. Uchatius: Zur Wahl steht: Die Demokratie. DIE ZEIT Nr.4/2017

David van Reybrouck: Gegen Wahlen – Warum Abstimmen nicht demokratisch ist. Wallstein Verlag. Göttingen, 2016.

Hubertus Buchstein: Demokratie und Lotterie Das Los als politisches Entscheidungsinstrument von der Antike bis zur EU. Frankfurt a. M. / New York 2009.

bile-hraci-kostky

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Les Houches, Diderot et Grenoble

Mai 28, 2016 at 7:08 pm (Aktuelles, Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

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Von einer kurze Reise wiederkehrend schreibe ich Gedanken nieder.

Es waren schöne Tage in Les Houches, dem kleinen Dorf mit seiner wunderbaren Aussicht auf die Kette des Mont-Blanc. Im Ort selber war ich kaum. Die meiste Zeit verbrachte ich mit 50 anderen Astrophysikern und Astrophysikerinnen in der dreißig Marschminuten oberhalb des Orts gelegenen École de la Physique, wo auch Pauli und Dirac schon weilten. Die Vorlesungen waren gut, die Zuhörerschaft international, die Einsichten durchaus von Nutzen – auch für meine eigene Forschung.

Doch im Vordergrund stand dieser hypnotisierende Blick auf die höchsten Gipfel Europas, der einen in jeder Pause, am frühen Morgen und nachts unter Sternen immer wieder still stehen und staunen ließ. Ein kleiner Rundweg führt für 10 Minuten durch zauberischen Märchenwald. Vogelgesang und fröhliches Krötengequake. Am Gipfel des Hausbergs Le Prarion watete ich noch durch Schnee und sah weit in die Ferne, doch längst nicht so weit wie von der Nadel des Mittags, der Aiguille du Midi. Dort hinauf, auf 3842 m, führt von Chamonix aus eine Seilbahn und der Blick, der sich bietet, ist einzigartig in der Welt. Man sieht die weiße Kuppe des Mont-Blanc – zum Greifen nah. Und ferner sieht man Matterhorn und Monterosa, Jura, Chaîne des Aravis und tausend andere Berge dreier Länder. Lange stand ich dort am Gipfel, höher als jeder Gipfel Österreichs, und blickte auf das Dach Europas. Chamonix selbst ist ein Genuss. Trotz Tourismus blieb Beschaulichkeit bewahrt. Die Statuen der großen Gestalten seiner Geschichte ragen am Ufer der Arve empor – und alle blicken sie hinauf zum Mont-Blanc. Die kleine Eisenbahn, die Martigny in der Schweiz und St. Gervais in Frankreich verbindet rattert im Stundentakt gemächlich durchs Tal, welches unten so saftig grün und oben so ewig weiß ist. Ich erfreute mich einmal mehr an französischer Kultur, am Klang der Sprache und an der Küche. Die Mahlzeiten in der École de physique waren wirklich famos, auch der Charme und Humor des Koches war ein Spektakel. Auf kleinen Wanderungen erkundete ich, teils allein, teils mit anderen, die Gegend. Der Ort Les Houches, das Dorf Servoz, der Gipfel des Prarion und die beschauliche Ruine aus dem 13. Jahrhundert unten am Fluss, die auch schon Victor Hugo mit Versen bedachte – all diese Orte bleiben mir im Gedächtnis. Auch das Krähen des Hahnes am Morgen, das Zirpen der Grillen am Nachmittag und das ewige Rufen der Schafe auf der Weide gleich unterhalb unserer Unterkünfte. Das Wetter zeigte sich abwechslungsreich in allen Facetten. Neben sommerlicher Wärme, neben Starkregen und Sturm, überraschte uns eines Morgens auch ruhiger, beschaulicher Schneefall und für einen Vormittag war die Welt tief winterlich.

Ich las viel in jenen Tagen. Zuerst beschäftigte ich weiter mit Faulkner und seinem düsteren Roman „Absalom, Absalom“, dessen Ende mich packte und mit dem Anfang versöhnte. Dies Buch ist ein Schälen der Zwiebel, deren wahre Gestalt hinter vielen Schichten des Scheins verborgen liegt. Welch eine Enthüllung in den letzten Kapiteln. Und welch ein Kontrast in französischen Bergen ein amerikanisches Südstaatendrama zu lesen. In einer Buchhandlung in Chamonix stieß ich auf Denis Diderot und seine Geschichten. Allein im Wald las ich laut von Freude und Leid seiner Figuren, die zum Teil gar wirklich lebten. Schön war es, im Wald Diderot zu lesen.

In einer Schlucht liegt eine kleine Bahnstation. Der Wanderweg endet dort. Es gibt nur ein kleines Häuschen aus Holz. Der Zug hält nur, wenn man die Hand hebt. Über ein altes Viadukt quert er die Arve und passiert die einsame Station. Und erst gestern stand ich da, hob meine Hand und der Zug hielt.

Und so verließ ich nach zehn Tagen das schöne Arvetal. Aber noch ging es nicht zurück in die Heimat. Zu nahe lag ein sehr vertrauter, altbekannter Ort. Ich kam nicht umhin, ihn zu besuchen. Über Saint-Gervais und Bellegarde fuhr ich nach Grenoble. Eine Beobachtung am Weg: In der schönen, runden Bahnhofshalle von Bellegarde steht einfach so ein Klavier und lädt alle wartenden zum Spielen ein. Pour vous à jouer. Ah, c’est la France!

Bald sah ich vom Fenster des Zuges Le Rhône, bald den wunderbaren Lac du Bourget, bald auch die Isère, den Dent de Crolles und die Chartreuse. Alles Bekannte von einst. Und schon war ich da – in Grenoble. Vor drei Jahren hab ich hier ein halbes Jahr lang gelebt. Wie schnell die Zeit vergeht. Ich schlenderte durch die Straßen, fuhr mit der Seilbahn hinauf zum Fort de Bastille, genoss einmal mehr den vertrauten Blick hinab in die Stadt und hinüber auf die Gebirgsmassive von Belledonne und Vercors. Viele Gipfel der Umgebung hatte ich damals erklommen, die Moucherotte, die Chamechaude, den Néron. Ich wanderte weiter die Straße hinab nach La Tronche. Hier steht das Haus, wo ich ein halbes Jahr wohnte, das Fenster zum Zimmer, wo ich so viel las und schrieb, wo ich schwitzte und fror. Alle Fenster waren zu, die Jalousien geschlossen. Ob meine Vermieterin wohl noch hier wohnte?

Da war mein Waldweg hinab in die Altstadt, der Baumstamm, wo ich einst mit Maria desnachts grünen Chartreuse trank, die Porte Saint Laurent, die Rue Saint-Laurent, die Pont Saint-Laurent, der Löwenbrunnen mit seiner Schlange. Auch der E4 verlief genau hier. Die Altstadt, die Brunnen, der Place Victor Hugo – alles wie damals. Nur die vierte Straßenbahnlinie ist endlich fertig geworden. Nach gutem Essen ging ich ins Kino, wo ich damals zahlreiche Filme gesehen hatte. Gleich daneben stand der dunkle Turm von Perrin, unter dem ich am 14. Juli 2013 das schönste Feuerwerk meines Lebens sah, untermalt mit Vivaldi.

Morgens ging ich zum Markt, kaufte Obst so wie damals, nur kein Gemüse. (Das eignet sich nicht so gut für die Zugfahrt.) Ich saß lang mit Croissant und Chocolatine im Café am Place de Saint-Claire. An so vielen Sonntagen war ich hier damals gesessen und hatte hier viele Bücher gelesen. Stendhal und Voltaire, Dumas und viel mehr. Der Kellner ist derselbe geblieben, doch er kennt mich nicht mehr. Wie damals blieb ich lange hier, zwei Stunden fast – und las den Diderot zu Ende. Mehr als seine traurigen Kurzgeschichten, die wirklich schön und berührend sind, begeisterte mich aber ein kurzer Text im Anhang: seine Éloge sur Richardson. Als der englische Autor Richardson gestorben war, widmete Diderot ihm eine Eloge und nie noch habe ich einen Autor so über einen anderen Autor schreiben sehen. Diderot verehrt und verherrlicht das Werk von Richardson derart, dass mir eine baldige Lektüre seiner Werke unvermeidlich scheint. Eine Eloge, die sich zu lesen lohnt und die dazu anspornt, neue literarische Gefilde zu erkunden. Ô Richardson, tu ne mens jamais.

Und wieder vorbei am schönen Lac du Bourget, am großen Taubenschlag und an den weinrebenreichen Hängen des Léman gleite ich nun der Heimat entgegen. La France, je reviendrai.

 

 

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Nach ein paar Zeilen Dostojewski

Januar 2, 2016 at 5:54 pm (Aktuelles, Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

Wie frappierend gut das Buch, wie ungewohnt packend das Lesen einem erscheint, wenn man nach Jahren anderweitiger Lektüre endlich wieder einmal einen Roman von Dostojewski zur Hand nimmt. Die ausgefeilte Erzählkunst des bärtigen Russen lässt andere Meister der Weltliteratur rasch alt aussehen. Diese Meinung teilten übrigens auch Albert Camus oder Siegmund Freund. Für den einen war „Die Dämonen“ das beste Prosawerk, das je geschrieben wurde, für den anderen war es „Die Brüder Karamaso“. Dostojewski ist und bleibt der feinfühligste, abgründigste und wohl auch beste Romancier unserer Spezies. Sein Werk hat einen ungeheuren Sog und macht mir eben wieder sehr viel Freude.

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Wintersonnenwende

Dezember 21, 2015 at 5:45 pm (Aktuelles, Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

An diesem Tage lohnt es, daran zu denken, wie groß die Emotionen waren, die unsere Vorfahren damit verbanden.

Seit Monaten werden die Tage dunkler und kälter. Es herrscht immer mehr Nacht. Das Leben wird zunehmend karger. Alles stirbt. Das Grün des Sommers ist längst eine verblassende Erinnerung geworden. Man friert immer mehr, sieht immer weniger. Es fühlt sich so an, als ginge alles zu Ende. In den Herzen herrscht Weltuntergangsstimmung. Denn wieso sollte alles werden, wie es war? Man sieht doch, wie das Licht mit jedem Tag schwindet, wie Sonnenauf- und untergang sich immer weiter nach Süden verschieben, bis sie sich fast schon treffen und beinahe ewige Dunkelheit herrscht. Etwa so haben sich tausende Generationen von Jägern, Sammlern und frühen, sesshaft gewordenen Bauern in den Tagen vor der Wintersonnenwende gefühlt.

Doch dann … dreht die Sonne plötzlich um und gibt inmitten aller Kälte das Versprechen des wiederkehrenden Sommers, des wiedererwachenden Grüns, der ewigen Wiederkunft des Lebens. An dem Tag, da im alten Megalith-Bau des irischen Newgrange der Strahl der Morgensonne in die innerste Kammer eindringt und diese zum Leuchten bring, ändert sich alles. Die Sonne kehrt um. Die Tage werden wieder länger. Und die Last von Frost und Dunkelheit ist plötzlich viel leichter zu tragen. Denn mit jedem Sonnenaufgang sieht man, wie die Tage wieder länger werden.

Welch Freude und Erleichterung, welch Feste hat die Zeit der Wintersonnenwinde in der Geschichte der Menschheit wohl erlebt? Wie viele Tränen wurden ob der Umkehr der Sonne vergossen? Es lohnt sich, am Tag der Sonnenwende unserem Gestirn der Spektralklasse G7 beim Untergehen zuzusehen und sich darauf zu besinnen.

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Plädoyer für die Grundlagenforschung

Januar 16, 2011 at 1:24 pm (Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

Plädoyer für die Grundlagenforschung

Vor Kurzem erst, da am CERN die Teilchen zum ersten Male mit zuvor noch unerreichten Energien kollidierten, da waren sie wieder einmal zu hören – die stets misstrauischen, ewig nörgelnden Stimmen mancher Medien und Organisationen, die unermüdlich jene alte Frage stellen, warum denn all dies nötig sei.

Warum so viel Geld, so viele Ressourcen verwenden und vielleicht verschwenden für etwas, das dem Menschen im Konkreten kaum in irgend einer Weise nützlich sei? Hätten nicht mit eben diesen Summen die Leben so vieler armer Leute gerettet werden können? Hätte man nicht Millionen Hungernde ernähren, Millionen Frierende wärmen können, anstatt Protonen aneinander prallen zu lassen? Warum das Ganze? Wem nützt es, was hilft es, was bringt es, wenn irgendwo in Genf irgendetwas, das 99% der Menschen nicht verstehen, von statten geht, sodass irgendwann in ein paar Jahren ein paar wenige WissenschaftlerInnen vielleicht sagen können: „Aha, es gibt das Higgs-Teilchen also doch. Das ist aber schön“? Ist es das wert?

Eben diese Fragen hört man neuerdings wieder sehr häufig. Und oft gehen manche Medien – auch manche Politiker – gar so weit, der Grundlagenforschung jeglichen Sinn abzusprechen. Man hetzt gegen jene weltfremden, schier unmenschlichen ForscherInnen, die weit an Nützlichkeit und dem realen Leben vorbei arbeiten. Man verlangt, dass Wissenschaft konkret dem praktischen Bedarf des Menschen diene, dass sie gar Gewinne bringe, dass sie sich in voller Konsequenz an der Alltäglichkeit orientiere und bessere, was daran zu verbessern ist – zum Wohle aller und zum Wohle der Wirtschaft.

Wird nun ein/e WissenschaftlerIn mit eben diesen heiklen Vorwürfen und Fragen konfrontiert, so hört und sieht man ihn/sie meist mühselig nach Worten suchen. Meist werden dann in leicht gekünsteltem Ton einige Spin-off Produkte aufgezählt, die die Grundlagenforschung ja immerhin gebracht hat: Ja, durch die Astrophysik kamen wir zur CCD – sonst könnte man heute nicht so schöne Bilder machen. Und nach allem, was wir am CERN lernen können, gelingt es uns vielleicht einmal besser Krebs zu heilen.

All das klingt angesichts des Aufwands, der damit verbunden ist, nur leidlich überzeugend. Und die ForscherInnen, welche diese Argumente äußern, fühlen sich dabei oft selbst nicht wohl – denn in ihrem Innersten da fühlen sie, dass sie sich im Grunde selbst belügen – und die Presseleute sowieso.

Denn in Wahrheit wissen sie, dass es hier um etwas ganz Anderes – etwas Größeres – geht, etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt – und besonders nicht in solche Worte, die den Medien und den Alltagsmenschen leicht verständlich wären. Und dennoch sollte man nach diesen Worten suchen. Und umso wichtiger ist es, sie auch zu sagen.

Warum forschen wir? Warum investieren wir so viel Kapital und Energie in etwas, das uns kaum bereichert, das nur sporadisch Gewinne einbringt, das nur gelegentlich etwas uns Dienliches hervorbringt und das selten oder nie zu Ruhm, Macht oder sonst was führt? Was soll der Mist? Wozu dieser Unsinn? Warum forschen wir?

Weil es die Welt gibt und wir es uns zur Aufgabe gemacht haben sie zu verstehen. Vor Jahrtausenden stellten sich unsere Vorfahren irgendwann zum ersten Mal die Frage nach dem großen Warum. Und seither hat der Mensch stets dieses eine Ziel verfolgt: Die Welt verstehen, zu begreifen, woher alles kommt und wohin alles geht, zu sehen, woraus die Dinge bestehen, wie sie entstanden und wie sie vergehen. Darum forschen wir.

Es ist das Gesamtprojekt aller Naturwissenschaften eine kohärente Geschichte des Universums zu schreiben, vom Urknall, über die Entstehung der Elemente, die Geburt der Sterne, bis zum Funken des Lebens und zum Werden des Menschen. Eben dies – die Beschreibung des Universums – auch die Vorhersage über die künftige Entwicklung des Universums – ist das größte Unterfangen der Menschheitsgeschichte. Es ist dieser Durst nach Erkenntnis, der uns erst zu Menschen macht und der letztendlich zu all den Errungenschaften führte, die unserer heutiges Leben erst möglich machen. Alles begann mit dem Wunsch, die Welt zu verstehen. Darum forschen wir.

Viel ist geschehen. Viel Dunkles wurde enthüllt. Die Welt ist gewachsen und der Horizont des bekannten Wissens rückte weit in die Ferne. Der Rätsel bleiben noch viele, doch manche hat man in Zusammenarbeit großer Zahlen von Menschen jeglicher Herkunft bis weit jenseits der Alltagswelt verdrängt. In unsagbar hohen Energien und schier unendlich kleinen Größenskalen muss man bereits vorstoßen, um manche der verbliebenen Rätseln zu lösen.

Doch man darf hier nicht stehen bleiben. Das wäre so, als hätten die ersten Erkunder der Erde am Rande des Ozean halt gemacht, anstatt Schiffe zu bauen. Die Wissenschaft ist ein beständiges Segeln am Rande der Welt. Und dies aufgeben, hieße einen großen Teil dessen aufgeben, was den Menschen ausmacht. Es geht hier nicht um bloßen Messbarkeitswahn. Wir wollen nicht die Welt vermessen, wir wollen das Universum verstehen, als Teil das Ganze erkennen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies überhaupt möglich sei. Dies ist aber auch bei weitem kein Grund, es nicht zu versuchen.

Was wollen jene Kritiker der Grundlagenforschung? Das man einfach Halt macht im Versuch? Dass man inne hält und wartet, bis die Welt ein perfekter Ort geworden ist, um erst danach weiter zu forschen? Dabei bietet dieses Streben nach dem scheinbar Unmöglichen doch Inspiration für so viele. Es ist eine Ehre hier einen Beitrag zu leisten, mit zu schreiben am großen Buche der Wissenschaften, auf den Schultern all jener zu stehen, die vor uns kamen und sich dieselben Fragen stellten, wie wir heute.

Dieser alte Traum, dass der Mensch als Teil des Universums das Ganze zu begreifen lernt, ist mehr wert als der kurzfristige Segen von Gewinn und Profitmaximierung, er ist, was der Spezies Mensch eine gewisse Größe verleiht und fast all unsere Errungenschaften, fast alles, das unseren heutigen Alltag bestimmt ist Ergebnis der Grundlagenforschung früherer Jahrhunderte und Jahrtausende. Natürlich sollte der Mensch danach streben seine Lebensbedingungen zu verbessern, aber dies muss einhergehen mit dem Streben die Welt, in der er lebt, zu verstehen. Und solange wir weiter forschen, solang wir noch nach unentdeckten Wissensinseln suchen, solang wir diese Träume träumen, könnte an jedem Tag neues Land in unser Blickfeld rücken und die Welt, wie wir sie kennen, von Grund auf umgestalten und verändern. Wir wissen noch sehr wenig. Wir stehen vielleicht gerade erst am Beginn. Und darum forschen wir.

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Die Vögel – Aristophanes

Oktober 4, 2009 at 4:04 pm (Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

Den gestrigen Abend verbrachte ich im bayrischen Markt-Oberdorf, wo ich Zeuge zweier schöner Ereignisse wurde. Das erste ein Naturschauspiel, das zweite ein Kulturschauspiel.

Ich hatte gerade gut gegessen und spazierte nun durch die Straßen des noch fremden Ortes. Es verblieb noch knapp eine Stunde bis zum Beginn der Aufführung von Aristophanes‘ „Die Vögel“, dem Grund meiner Anreise. Ich wollte die verbleibende Zeit nutzen, um – wie ich es gerne tue – ein wenig ziellos umher zuwandern und zu sehen, ob es etwas zu entdecken gäbe. Als ich also nun in die Gschwonderstraße einbog und nach Westen blickte, da sah ich sogleich den Beginn einer vielversprechenden Sonnenuntergangsphase. Die Wolken waren gerade richtig aufgestellt, die Luftfeuchtigkeit war auf dem rechten Niveau und unser Stern und Lebensspender Sonne schwebte das letzte Stück dem Horizont zu. Das war der Westen. Als ich nun aber nach Osten blickte, da sah ich etwas, das mich – unerwartet wie der Anblick war – für Momente mitten auf der Straße stehen bleiben ließ. Ich sah den Mond, den vollen blassen Mond, knapp über Wipfeln der Bäume am Hügel, doch immer noch weit unterhalb der Spitze des Kirchtums von Sankt Martin am milchig blauen Dämmerungshimmel leuchten. Was soll nun an dem Mond Besonderes sein? Es war das Gesamtbild, das faszinierte. Der durch die Refraktion in den Abendluftmassen aufgedunsene Mond schien aus der Ferne ebenso breit wie der Kirchtum von Sankt Martin. Und er befand sich direkt neben diesem und direkt überhalb der Bäume am Hügel. Und im Westen leuchtete weiterhin rötlich die Sonne. Eine recht seltene Komposition der Naturphänomene. Ich sah Sonne und Mond – beide Begleiter der Menschen seit ältester Vorzeit – beide zugleich sich Auge in Auge am Himmel gegenüber stehen. Sie blickten sich an, zwei runde vollkommene Scheiben mit einem Leuchten von unterschiedlichster Art. Bruder Mond stieg allmählicher höher und gewann an Kraft. Schwester Sonne versank langsam in einem tiefroten Wolkenmeer.

Ich habe in meinen Leben wunderbare Sonnenuntergänge und -aufgänge gesehen, über Bergen und Ozeanen, in Venedig, über der Texanischen Prärie oder im fernen Laos, doch diese klare Opposition der beiden Gestirne am Kreis des Horizonts erlebte ich hier in dieser Form zum ersten Mal. Natürlich hielt es mich nicht lange in der Straße, wo Häuser mir den Weg versperrten. Ich bestieg den Hügel von St. Martin, um dort oben, von Kirchplatz und Friedhof aus, eine bessere Aussicht zu finden.

Inzwischen war der Sonnenuntergang dabei in seine schönste Phase einzutreten. Der Feuerball der Sonne war verschwunden, doch dafür begannen nun all die Wolken und Kondensstreifen, die in den bizarrsten Formen den Himmel Richtung Westen zierten, in den schönsten Rottönen zu erstrahlen. Es war ein Gemälde, eine Serien von Gemälden in stetiger Veränderung. Kaum konnte man den Blick abwenden, doch wandte man ihn dennoch ab, so sah man gegenüber den Mond zielstrebig höher steigen, hinter Ästen und Gemäuern hervorlugen und mehr und mehr zum dominanten Lichtpunkt der Umgebung werden. Die Luft war klar genug um die Geographie seiner Oberfläche zu studieren. Ich sah das Mare Crisium, das Mare Serenitates und die Krater von Tycho, Kepler und Copernikus.

Im Westen aber war das Schauspiel momentan noch spannender. Die Schriftzeichen, welche Sonne und Wolken mit Rotstift in den Himmel schrieben und welche mach chinesischen Buchstaben zu ähneln schienen, begannen allmählich vom Zenit weg ihren Glanz zu verlieren und zu verblassen. Allmählich zog sich das letzte Licht der Sonne, das die Wolken immer noch in die schönsten Rottöne tünchte, zurück zum Horizont, bis nur noch ein einzelner Streif verblieb, der in einem geheimnisvollen dunkeltiefen Rot noch für Minuten weiterstrahlte. Eine Schar von Windrädern im Westen, die mitten in dem leuchtenden Inferno ihre Runden drehten, trug zur Beschauchlichkeit des Anblicks bei. Und dann war es vorbei. Nur der Mond strahlte weiter. Am Friedhof leuchteten einige Kerzen und ein Vogel flog am Kirchtum vorbei in die Ferne. Er flog genau entlang der unsichtbaren Sichtlinie zwischen Mond und mir. Der Friedhof von Markt-Oberdorf ist zu dieser Tageszeit ein reizvoll unheimlicher Ort, wo fast mannsgroße Jesusstatuen aus Stein im Licht der Kerzen ihre Schatten werfen.

Nach diesem emotionalen ‚Vorglühen‘ kehrte ich dem Friehofshügel meinen Rücken zu und suchte mir den Weg zur Filmburg wo die Theaterschule mobilé unter der Leitung von Monika Schubert die zweitausendvierhundert Jahre alte Komödie des Aristophanes zeigte. Und eben davon soll der nächste Absatz Kunde tun:

Dass die alten Dramen Griechendlands, die es irgenwie durch die Wirren der Geschichte in die Gegenwart geschafft haben, auch heute noch von erstaunlicher Aktualität sein können, ist nichts Neues. Man erfährt es immer wieder bei der Lektüre von Aristophanes, aber auch bei Tragödiendichtern wie Sophokles und anderen. Es ist ein Zeichen, dass der Mensch sich gleich bleibt und bei all dem Wandel, den der Fortschrift der Wissenschaften uns gebracht hat, wir doch immer noch dieselben Wesen sind. Und doch… Wie ein solches Drama inszenieren? Wie es auf die Bühne bringen, dass es nicht zu viel an seiner Originalität verliert und dennoch das Publikum mitreißen kann? Monika Schubert weiß, wie das geht und mit „Die Vögel“ haben sie und ihr Team es mit Bravour geimeistert. Das Stück entführt seine Zuschauer auf eine fantastische Reise, auf einen weiten Vogelflug zum Zwecke der Erfüllung einer uralten Sehnsucht des Menschen: der Sehnsucht nach einem Ort, wo alles anders ist, wo die starren Regeln und Grenzen des Alltags ihre Gültigkeit verlieren, wo ewiger Friede herrrscht und die volle Freiheit höchstes Gut ist. Vogel sein und fliegen können, das ist schon die halbe Freiheit. Doch die halbe Freiheit ist uns nicht genug. Wir wollen mehr. Wir wollen einen Ort der unbegrenzten Möglichkeiten dort oben über den Wolken, wo jeden Tag die Sonne scheint.  Wir wollen Wolkenkuckucksheim. Doch jeder Traum kann auch ein Alptraum sein und noch nie hat jemand eine Utopie beschrieben, die bei näherem Hinsehen nicht doch auch eine Dystopie war. Es ist faszinierend, wie sich all dies in diesem wunderbaren Werk des Aristophanes finden lässt. Es herrscht soviel Raum für Interpretationen. Man kann sich darin finden und verlieren. Das Stück ist zeitlos, weil seine Themen zeitlos sind: die unsterblichen Träume des Aussteigertums, der Reiz der Freiheit in der Anarchie, welche doch auch jederzeit den Keim der Autokratie in sich tragen kann und so viel mehr. Am Beispiel des Pisthetairos sieht man wunderbar das alte Spiel der Dämonie der Macht. Der junge Anarchist und Systemkritiker, welcher im Verlauf der Begebenheiten zum Tyrannen und Herr des Gesetzes mutiert. Man kann in dem Stück aber auch die zerstörerischen Machenschaften des ewigen Verführers Mensch beobachten, der die Natur in Gestalt der freien, unschuldigen Vögel korrumpiert und sie ausbeutet und unterjocht. Man kann so viel darin sehen…

Und durch die brilliante Bearbeitung und Inszenierung von Monika Schubert sieht man all dies umso klarer. Es war ein Theatergenuss voll beeindruckender Augenblicke. Etwa, wenn ein Sprechchor von circa fünfzehn Vögeln dem Publikum in synchroner Wortgewalt ihre Botschaft entgegenschleudert, wenn die alten Lieder mancher Kindheit, in denen Vögel sehr oft eine Rolle spielen, plötzlich gesungen werden und sie in die Handlung fügen oder wenn die Vorstellung von frechen Punks gestört wird und das ganze Publikum sich fragt, ob das denn nun zur Show gehört oder nicht. Ich war wirklich lang im Zweifel. Ein besonderes Lob verdient auch die schöne poetische Sprache, die sich über weite Passagen hinweg an den Jamben des Aristophanes orientiert. Wie so ein Versmaß doch den Worten einen Zauber geben kann, den sie in Prosa nie erreichen. Ein Highlight sind auch die kleinen feinen Details der Bearbeitung. So kommt zum Beispiel die Geschichte des Werkes selbst im Werk zum Ausdruck. Der Kolibri spricht kurzweilig von Goehte und Karl Kraus, welche sich einst auch für „Die Vögel“ begeistern konnten und diesem Stück ihre persönliche Note gaben. Und als Aphrodite plötzlich den Mephistopheles zitierte, das war für mich das höchste der Gefühle. Einfach nur mehr schön.

Aber Vorsicht: nur geeignet für Menschen, die auch fliegen können; bzw. die auch fliegen können wollen.

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Eine Wanderung nördlich von Rabac

September 25, 2009 at 8:53 am (Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

Manche Wanderungen und Spaziergänge graben sich tief in unser Gedächtnis ein und bleiben ständige Erinnerung. Nie werde ich vergessen, wie ich in Wales den Moel Siabad bestieg, wie ich durch die Moore Nordenglands wanderte oder die ligurische Küste entlang einen Tag nach Süden spazierte.Und auch mein kurzer Ausflug gestern, meine kleine Flucht aus dem Kreis der mich umgebenden Astrophysiker, soll mir unvergessen bleiben. Manchmal sind gewisse Wege so schön, dass man alle paar Schritte stehen bleiben muss um die Aussicht, den Geruch, die ganze Atmosphäre tief in sich aufzunehmen. Man steht an malerischen Orten, spürt den Wind im Gesicht und atmet die Luft der Freiheit. Es war nur ein kurzer Fußmarsch, doch intensiv genug um Bestand zu haben. Nach all der seltsamen Exotik Südostasiens tut es so gut am Mittelmeer zu sein.

Ich verließ das Hotel in Rabac gegen ein Uhr nachmittags und bahnte mir meinen Weg an Paint-Ball Gelände und Tennisplätzen vorbei hinauf in die Hügel. Bald ließ ich all das Treiben hinter mir und erreichte einen einsamen Geröllpfad, der mich stetig weiter aufwärts führte, höher hinaus über das Meer, weiter nach Norden. Anfangs erstreckte sich der Weg noch durch duftende Pinienwälder. Ich blieb oft stehen, atmete den süßen Duft der Bäume ein und berührte auch das Holz so manchen Stammes um die Natur um mich wirklich mit so vielen Sinnen wie möglich zu spüren. Das Pinienharz klebte an meinen Fingern. Ich roch Ölbaum, Pinie und Zypresse und den Duft des Meeres. Immer weiter aufwärts marschierend gelangte ich schließlich ans Ende des Waldes und hatte endlich unverborgen eine herrliche Aussicht zu meiner Rechten. Das Meer glitzerte in einem fantastischen Blau. An manchen Stellen war das Wasser ganz flach und ruhig, an anderen kräuselte es sich wieder. Sich kräuselnde Inseln im sonst stillen Meer. Die Insle Cres dominierte den Horizont. Bis auf ein paar Gebäude, die dort jenseits des Meeresarms standen und ein einsames Boot sah ich nichts, das an Menschheit erinnerte.

Ich folgte meinen Pfad weiter nach Norden. Immer höher wand dieser sich die Hügel hinauf, bis ich schließlich auch zu meiner Linken für kurze Momente eine herrliche Aussicht genoss. Es enthüllten sich so manche Hügelkuppe und so mancher Gipfel der Berge von Istrien.

Schließlich, als ich mir bereits Gedanken über den Rückweg zu machen begann, erreichte ich das kleine Dorf von Mali Cosi, welches abgeschiedener kaum sein könnte. Neben einigen kleinen Ferienhäusern gibt es die alten steinernen Gebäude des Ortskerns. Man hört Hähne krähen und sieht hinter alten Trockenmauern einige Kühe hervorlugen. Ich warf einen Stein in einen zur Gänze mit hellgrünen Algen bedeckten Teich und erfreute mich am Anblick wie kurz das Wasser zum Vorschein kam, bevor es dann mit der Zeit rasch von den nachrückenden Algen wieder bedeckt wurde. Nach einigem Suchen stieß ich in Mali Cosi dann auf einen schmalen, steinigen Pfad, der mich in vielen Windungen durch verlassene, grüne Küstenhänge im Laufe einer Stunde wieder hinab ans Meer führte. Es mochten circa dreihundert Höhenmeter gewesen, die ich aufgestiegen war und nun zurück nach unten musste. Ich hatte bisher seit den fernen Tennisplätzen von Rabac auf dieser Wanderung keinen einzigen Menschen aus der Nähe gesehen und so blieb es auch auf diesem Pfad, welcher sich manchmal im Gras und Geröll des steilen Hanges verlor und sich dann zum Glück wiederfand. Schon nahe des Meeres kam ich zurück in die Wälder und plötzlich war ich dann da und das Rauschen des recht stillen Meeres der Bucht von Kvarn hieß mich Willkommen. Es überraschten mich einige wunderschöne Buchten, zu denen hinab kein Weg führte als jener über das Meer. So schroff war das Ufer, so steil die Felsarena, welche die Buchten umgab. Das Wasser war so wunderbar klar, dass man bis weit hinein ins Meer den Grund noch sehen konnte und das Spiel der kleinen und großen Felsen, wie sie es an manchen Stellen vermochten, die Oberfläche zu durchdringen und in die Luft hinaus zu ragen. Ich bahnte mir meinen Weg weiter durch die felsigen Küstenwälder und kehrte schließlich nach und nach zurück in die Gefilde, wo Menschen weilen. Aus den Buchten hörte man die ersten Gespräche und schließlich sah man auch nach und nach ein paar Artgenossen an den Steinen und Kiesstränden kleben. Vorbei am ausgedehnten Gebiet der Nacktbadebuchten und -strände gelangte ich schließlich wieder nach Rabac, wo ich pünktlich zum Beginn der Nachmittagsvorlesungen anlangte. Ich war nicht länger als drei Stunden unterwegs gewesen, doch kaum einer hatte seine Zeit besser genutzt.

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Ad Christopher McCandless

September 13, 2009 at 5:52 pm (Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

Viel wurde bereits gesagt und geschrieben ueber das tragische Schicksal von Christopher McCandless. Das grossartige Buch von Jon Krakauer und vor allem die brilliante Verfilmung von Sean Penn haben dazu geführt, dass heute mehr Menschen  über das seltsame Leben und Sterben jenes jungen, mutigen Amerikaners Bescheid wissen denn je. Viele schütteln die Köpfe, andere glauben ihn zu verstehen, manche  identifizieren sich vielleicht sogar teilweise mit McCandless. Für mich ist seine Geschichte eine Warnung, eine Bestätigung und zugleich eine große Inspiration. Manches, was ich in den letzten eineinhalb Jahre gedacht, geschrieben und getan habe, hat indirekt mit dem Schicksal McCandless‘ zu tun. So trug dieses wohl wesentlich zur Genese meines neuesten Theaterstückes „Die Gefangenen“ bei. Trotz klarer Unterschiede und anderer Akzente wird die Hauptfigur darin vom selben Drang nach Freiheit und derselben Antipathie gegenüber der Seichtheit und Verlogenheit der sie umgebenden Mainstream-Gesellschaft geprägt und getrieben wie auch McCandless. Was mich an seinem Charakter besonders faszinierte, war seine eiserne Entschlossenheit in der Ausführung seines Plans, seine Belesenheit, aber auch seine emotionale Kälte gegenüber seiner Familie, die er solange im Ungewissen über sein Schicksal ließ, bis seine Leiche ihr Antwort gab. Wenn es wirklich nur die Jahre zurückliegende Bigamie seines Vaters war, die McCandless dazu veranlasste seine Eltern und seine Schwester zwei Jahre lang mit schmerzlicher Ungewissheit zu strafen, so entlarvt ihn dies als einen unversöhnlichen Menschen mit streng konservativem Moralkodex. Auch andere Fakten seines Lebens weisen darauf hin. Er scheute die Gesellschaft wohl nicht, weil sie ihm zu konservativ war, sondern wohl vor allem darum, weil sie ihm zu wenig „rein“ und zu verlogen war.

Was seine Belesenheit angeht, so war dies ein Hauptgrund meiner anfänglichen Faszination für diesen Menschen. Scheinbar hielt sich McCandless an eine ähnliche literarische Diät, wie ich es in seinem Alter tat, und strich Stellen in seinen Büchern an, die auch ich anstreichen würde, und teilweise auch angestrichen habe. Tolstoi, Pasternak, London, Thoreau… Es hätten auch Sartre, Dostojewskij und Poe sein können; oder Nietzsche, Wilde und J.D. Salinger. Gewiss hätte dem jungen Chris auch  Schopenhauer gefallen. Dieser vielleicht mehr als alle anderen. Am meisten erinnert sein Denken und Leben jedoch an Thoreau, der nicht nur sprach sondern auch selber in die Wildnis ging und sein eigenes Leben zum Experiment machte. Was war Fairbanks Bus 142 denn anderes als eine Variation von der Hütte am Waldon See, nur extremer, radikaler und viel gefährlicher.

Wie wohl die meisten hörte ich zum ersten Mal von McCandless durch Penns Verfilmung von dessen Geschichte. Für mich war es der beste Film des Jahres. Ich sah ihn zweimal innerhalb von wenigen Tagen und mit sehr unterschiedlichen Emotionen. Beim ersten Mal ging ich heim in einem Gefühl der überschwänglichen Euphorie. Ich war trunken vor Freude am Dasein, wünschte mir nichts mehr als Freiheit, Unabhängigkeit und das Glück des Weilens in wilder Natur, welches ich schon auf manch langer Wanderung genießen durfte. In jener Nacht schrieb ich ein interessantes Stück Text, das mich seither immer wieder einmal amüsierte. Beim zweiten Sehen des Films waren meine Gefühle durchwachsener und bei weitem nicht so klar. Ich sah einen ganz anderen Film und begann über einige unbehagliche Widersprüche nachzudenken, die dem Film inhärent sind. Bewusst, wie mir scheint. Es ist als wollten die Macher – wahrscheinlich Penn – dem Publikum eine Frage stellen. Es ist eine Frage, die man mit nach Hause nimmt und lange mit sich herumträgt. Am Ende findet wohl ein jeder seine Antwort. Im Grunde ist die Frage die: Ist es wahr, dass nur geteiltes Glück wahres Glück ist? Auf einer Seite seiner Ausgabe von Doktor Schiwago hatte McCandless ein paar Wochen vor seinem Tod den Satz gerschrieben „Happiness is only true when shared“. Es ist dies jedoch ein radikaler Bruch mit seiner früherer Philosophie und all den Dingen, der gegenüber den Menschen äußerte, denen er auf seiner Reise begegnete. In einen Brief an seinen Freund Ronald Franz – oder wie immer dieser in Wirklichkeit heißen mag- , schrieb McCandless:

The joy of life comes from our encounters with new experiences, and hence there is no greater joy than to have an endlessly changing horizon, for each day to have a new and different sun. […] You are wrong if you think Joy emanates only or principally from human relationships. God has placed it all around us. It is in everything and anything we might experience. We just have to have the courage to turn against our habitual lifestyle and engage in unconventional living.

Es herrscht ein klarer Widerspruch zwischen dieser Aussage – welche im übrigen auch von einem Philosophen wie Thoreau hätte stammen können – und dem oben zitierten Satz über „wahres“ Glücklichsein. Mit der Art wie der Film aufgebaut ist – besonders mit der Betitelung des letzten Kapitels mit „Gaining wisdom“ – scheint uns Sean Penn seine eigene Interpretation nahe legen zu wollen, nämlich die, dass McCandless am Ende seiner Reise und am Ende der kurzen Reise seines Lebens die Wahrheit oder Weisheit findet, dass nur geteiltes Glück wahres  Glück sei. Happiness is only true when shared. Man bemerke dieses kompromisslose „only“ und vergleiche es mit dem „only“ in obiger Antithese, welche auch andere Quellen des Glückes erlaubt: „You are wrong if you think Joy emanates only or principally from human relationships.“

Klarer könnte der Widerspruch kaum sein. Wir haben ein Paar von These und Antithese, das keine Synthese erlaubt, denn das eine ist eine Negation des anderen und Tertium non datur. Man muss sich entscheiden. Das letzte Jahr über habe ich in größeren Abständen immer wieder über diese Frage und vor allem über die Entwicklung, die McCandless von der einen zur anderen Ansicht führte, nachgedacht und versucht in meiner Lektüre, sowie in meiner eigener Erfahrung in Alltag und Reise eine Antwort zu finden. Mein Interesse für McCandless führte mich schließlich zu Henry David Thoreau und dieser führte mich zurück zu McCandless und Jon Krakauers Buch über dessen Leben, das sich in interessanten Detail von der Darstellung im Film unterscheidet.

Ich habe eine Antwort. Und diese lautet, dass der schön und romantisch klingende Satz „Happiness is only true when shared“ völliger Unsinn ist. McCandless selbst bestätigt dies mit seinem Leben, mit den tausend intensiven Glücksmomenten, die er erlebte und wovon er stets Kunde tat. In allen Schilderung wurde er auf seiner Reise als überaus glücklicher Mensch beschrieben, der die Welt um ihn – besonders die wilde Welt – liebte und es genoss sie zu durchwandern. Er fand sein Glück vor allem in der Einsamkeit. Doch wirklich „einsam“ fühlte er sich nur, wenn er unter Menschen war.  Wem will man mehr trauen? Dem was McCandless sein Leben lang gelebt und gepredigt hat? Oder dem, was er geschwächt im Hungerzustand nach großem Schrecken und langen Monaten in der Kälte bei schlechtem Wetter an einer Stelle einmal in ein Buch gekritztelt hat? Gilt es denn nichts, das er davor tausendmal das Gegenteil sagte. Musste dieser eine Satz deshalb gleich als die Erlangung von Erkenntnis tituliert werden? Unsinn. Man bemerke, dass dies nur eine von vielen Notizen war, die McCandless in jenen Tagen in seine Bücher schrieb. Und es war bei weitem nicht seine letzte. Das letzte, was er schrieb, das letzte, was er lächelnd und mit einer Geste des Abschieds sowie des Triumphs vor seiner Kamera präsentierte, war ein Text der unter anderem den Satz beinhaltet: „I have had a happy life“. Und ich glaube die glücklichsten Stunden  waren die, die er mit niemanden teilte. Es waren die, in denen er alleine auf einem Berggipfel in Alaska stand und den Wind im Gesicht spürte. Es waren jene, als er im Kayak den Colorado River entlang fuhr, jene da er in Mexiko endlich den Ozean erreichte, jene da er im Zentrum eines Gewitters stand. Und jene Momente mit einem anderen Menschen zu teilen, hätte jene Momente vielleicht verdorben.

Doch wiese sollte man sie hierbei auf McCandless berufen. Ebensogut könnte man von Lord Byron sprechen, von Thoreau, Nietzsche, Emerson und so vielen anderen. Die Weltliteratur ist voll von wunderbaren Schilderung des Glückes und der Freude, die ein Mensch in dieser Welt empfinden kann. Niemand will dabei leugnen, dass in zwischenmenschliche Beziehungen die Quellen großen Glücks und großer Freude sein können. Doch zu glauben, dies wäre die einzige Quelle ist pure Blindheit. Es gibt mehr als einen Stern am Firmament. Es gibt tausende Quellen der Freude. Man koste sie alle und verweile bei denen, die am süßesten sind. Doch dies ist eine Frage des Geschmacks. Auch ich selbst habe meine eigenen Erfahrungen, die mir mit Bestimmtheit bestätigen: „You are wrong if you think Joy emanates only or principally from human relationships.“

Nichts soll in diesen Erörterung den Eindruck erwecken, dass ich McCandless in irgendeiner Art und Weise als Vorbild betrachte und allzu sehr preisen möchte. Wie Buch und Film und seine Briefe mir sagen, war er ein bewundernswerter, mutiger Mensch, der jedoch viel Ansichten vertrat, die ich klar ablehnen muss. Sein striktes puritanisches Moralverständnis, seine Kälte gegenüber jenen, die dieses missachteten, seine Frömmigkeit…

Man muss auch erwähnen, dass McCandless kein Einzelfall ist. Es gibt viele Menschen, die ihm ähnlich sind und ebenfalls „Into the Wild“ aufbrachen. Manche kehrten wieder, andere nicht. Krakauer erwähnt einige, die nicht wiederkehrten und sieht sich selber als jemand, der in seiner Jugend ähnlich wie McCandless lebte. Und zurecht stellt er fest, dass es wohl nur eine Reihe unglücklicher Zufälle war, die zu seinem Tode führte. Viel hätte nicht gefehlt und McCandless wäre lebendig aus der Wildnis zurückgekehrt. Wir wissen, dass er vor hatte ein Buch zu schreiben. Wir können vermuten, dass es sehr gut geworden wäre. Doch bekannt geworden, wäre es wohl kaum. Man sollte ehrlich sein. Der einzige Grund, warum sich die Welt für die Abenteuer von McCandless interessiert, ist sein Tod, ist seine verweste Leicht im entlegenen Bus. Wäre er nicht gestorben, würde auf der Titelseite von Krakauers Buch nichts von einem verwesten Körper stehen, die Geschichte hätte nie die Welt erobert. Und es gibt viele Geschcihten von Menschen, die wie McCandless in die Wildnis gehen, die versuchen ein „anderes“ Leben zu führen, die ihr Dasein zum Experiment und zum Kunstwerk erheben. Doch niemand interessiert sich für sie.

Cercato ho sempre solitaria vita

Le rive il sanno, e le campagne, e i boschi,

Per fuggir quest‘ ingegni storti e loschi,

Che la strada del ciel‘ hanno smarrita

—————————Petrarka

Das ist alles, was ich über Christopher McCandless sagen wollte.

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Henry David Thoreau

September 10, 2009 at 4:27 pm (Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

So wie im letzten Sommer Lord Byron mein staendiger Begleiter war und mit mir durch Jura, Rhonetal und Chartreuse wanderte, so hatte ich auch auf dieser Reise meinen stillen Kameraden, den ich mit jedem Tage besser kennen lernte. Und obwohl ich in den ersten Wochen dieser Reise kaum die Zeit zum Lesen fand – zu reich war die Umgebung, zu dicht der Reigen der Erlebnisse – so boten sich spaeter doch so manche stille Stunden an, um in die Welt – und die Waelder – meines Buches zu tauchen und eine andere Welt aufzusuchen. So war ich also nicht nur hier. Waehrend ich den Mekong hinauf fuhr oder still an der Kueste Kambodschas meinen Fruchtsaft trank, waehrend ich in Vang Vieng das Treiben der Getriebenen beobachtete oder auf den Inseln Si Phan Dons in meiner Haengematte lag, ich las und lernte einen Menschen kennen. Ich reiste mit ihm durch die Waelder von Maine, folgte im Winter den Spuren eines Fuches am zugefrorenen See nahe Concord, Massachusetts und lebte zwei Jahre lang in jener Huette am Waldrand, nah und fern von nirgendwo. Ich lernte ihn kennen, jenen Gelegenheitsquietisten und Hobbyanarchisten, jenen Freund aller Waelder und Feind der Konventionen. Er, der grosse Reisende, der nie aus Neuengland herausgekommen ist und trotzdem die ganze Welt zu kennen schien. Ich las die Schriften von Henry David Thoreau.

Er starb zu frueh um seinen Ruhm noch zu erleben. Heute zaehlt er zu den wichtigsten literarischen Grossen Neuenglands. Sein Platz im Olymp der amerikansichen Literatur, gleich neben Emerson, Melville, Withman und Poe ist ihm gewiss. Und die Nachwelt nahm auf ihn Bezug. Tolstoi holte sich wichtige Impulse. Und wer weiss, ohne Thoreaus politischer Schrift der „Civil Disobidience“ waere das Leben Gandhis und das Schicksal Indiens vielleicht ein anderes gewesen. Denn Gandhi uebernahm sein Prinzip des friedlichen Protests von niemand anderem als Thoreau, dem Vordenker jeglicher Form zivilen Ungehorsams.

Philosophie und Dichtung sind in seinem Werk verwoben. Er verkoerpert vieles und doch ist seine Meinung klar. Man koennte ihn mit der Philosophie Rousseaus in Verbindung bringen, vielleicht auch mit den europaeischen Denkern der Lebensphilosophie vergleichen. Gewiss ist der Einfluss Emersons nicht unerheblich, der ihm Freund und Lehrmeister war. Dennoch ist Thoreau einzigartig. Seine entschlosse Abwendung von jeglicher festgefahrener Konvention, sein Streben nach Einfachkeit und Origninalitaet, seine fast religioese Verehrung der Natur und des Lebens, sein stiller Protest und sein ewiges Junggesellentum – es lohnt sich seinen Gedanken zu folgen. Und wie immer machte es mir Spass meine eigene Weltanschauung mit jener der Autoren meiner Lektuere zu vergleichen, Parallelen herauszuarbeiten und Unterschiede klar zu legen. Zu Thoreau sage ich oft einfach nur Ja. Er haette sich auch mit Byron gut verstanden, den er – denke ich – nicht kannte. Er kannte und zitierte viele Werke, die ihm wohl sehr wichtig waren. Oft erkannte ich in seinen Schriften so manche Stelle aus dem Lun Yu des Konfuzius wieder. Oft zitierte er auch die Veden, Vergil oder einfach nur Homer. In der Bibel fand er weniger, das in den Rahmen seiner Schriften passte. Thoreau ist kein Erzaehler, der Geschichten und Charaktere er’findet“. Alles, was er schrieb, ist ein Bericht. Ein Bericht seines Lebens, seiner Reisen und vor allem seiner Zeit am Waldon-See, wo er zwei Jahre lang mit der Einsamkeit experimentierte und vom Land alleine lebte. Thoreau hat nicht nur von alternativen Lebenswegen geschrieben und philosphiert. Er hat sie ausprobiert. Und er ist ein Meister der Beobachtung, besonders der Naturbeobachtung. Das Spiel der Jahreszeiten, der Zauber eines zugefrorenen Sees, die Waerme des Feuers, die Stimmen im Wind und die Lieder im Regen – keine hat dies je besser beschrieben als Thoreau. Man lobe aber auch seinen feinen Sarkasmus und versteckten Spott fuer die Gesellschaft der Mainstream Kultur.

Jetzt bin ich mit ihm fertig, habe mein Buechlein „Waldon and other writings“ von vorne bis hinten gelesen und auf vielen Seiten viele Saetze mit Kugelschreiberstrichen dicht versehen um sie bei Bedarf wieder zu finden. Nur ein grosser Autor von vielen. Nur eine weise Stimme aus der Vergangenheit mehr. Und doch koennen solche leisen Stimmen auch in der Welt von heute noch so viel bewegen.

Why should we be in such desperate haste to succeed and in such desperate enterprises? If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away. Only that day dawns to which we are awake. There is more day to dawn. The sun is but a morning star.

Mir stellt sich vor allem eine Frage: So wie Thoreau von der Natur spricht, von seinen Pflanzen, Tieren und zugefrorenen Seen, wie er all dem mit Worten Leben einhaucht, wie er damit den Phaenomenen des Lebens die Macht gibt im Geiste des Menschen Emotionen zu wecken, kann man dies denn nicht auch mit den Sternen tun, – mit schwarzen Loechern und Neutronensternen, mit Quarks, Neutrinos und Bosonen? Kann man nicht auch von diesen Dingen in Worten sprechen, die poetisch sind? Und so vielleicht mehr Licht ins Dunkel bringen, als mit reiner Mathematik, mehr Menschen sehen lassen, was in ihrem Wellenlaengenbereich ansonsten noch verborgen bleibt? Vielleicht. Man braeuchte einen Thoreau der Naturwissenschaften.

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