117 Delhi

Januar 10, 2015 at 5:16 pm (Indien&Nepal)

Ich nahm früh ein Tuktuk zum Bahnhof und stieg in den erstbesten Zug nach New Delhi.  Die Fahrt war schön, trotz Nebel und überfüllter General Class, schön der Nostalgie wegen. Alles geschah zum letzten Mal auf dieser Reise. Zum letzten Mal dem „Chai!Chai!Chai!“Mann seinen Tee abkaufen und dem Samosa Mann seine leckeren Samosi. Zum letzten Mal in diesen blauweißen Waggons sitzen. Zum letzten Mal die so unterschiedlichen Gesichter der Reisenden im Zug betrachten und sich fragen, welche Leben sie leben. Ich habe die vielen Zugfahrten in diesem Land wirklich genossen: Das Stehen bei voller Fahrt in den offenen Türen, die vorbeirauschende Landschaft, der bunte Reigen vorüberziehender Händler, Bettler und anderer Menschen, die weibliche Stimme am Bahnhof, immer dieselbe, die in Hindi und Englisch die Abfahrt der Züge kommentiert. All das hat mich, außer im zuglosen Nepal und Sikkim, die ganze Reise lang begleitet.

Gegen Mittag erreichte der Zug den Bahnhof New Delhi. Hier war ich also wieder, dreieinhalb Monate, nachdem ich in den ersten Zug dieser Reise nach Varanasi gestiegen war. Heiß war es gewesen. Nun war es kalt.

Schnell fand ich ein passables Hotel in der Nähe von Bahnhof und Metrostation. Wenig später saß ich in Sam’s Bar, am selben Tisch wie damals und aß Paneer Tikka Masala. Was tun mit diesen letzten Stunden Indien? Ich stieg in die Metro, fuhr bis zum Chandni Chowk im Herzen der Altstadt. Hier hatten die Mogulen einst ein paar Sikh-Heilige gefoltert und ermordet. Die Bilder dazu hatte ich in Amritsar gesehen. Vorbei am roten Fort wanderte ich durch vertraute Gassen bis zur Jama Masjid. Hier hatte meine Reise so richtig begonnen, mit jenem zweistündigen Gespräch, das ich mit dem skurrilen alten Möchtegernnobelpreisträger auf den Stufen der Moschee geführt hatte. Ich unternahm eine letzte Rikshafahrt zurück zur Metro. Diese Stadt ist so voller Menschen, dass sie mir schon nach einer Weile wieder zu anstrengend wurde. Ich floh zurück in mein Hotel. Und dann war der Tag auch schon vorbei.

Werde ich Indien wiedersehen? Ich hoffe doch. Es gibt hier doch noch einiges, das ich noch nicht gesehen habe. Auf Bihar, Jharkhand, Chhattisgarh und Andhra Pradesh kann man wohl verzichten, doch die nördlichen Provinzen Jammu & Kashmir, Himachal Pradesh und Uttarakhand sind auf jeden Fall eine Sommerreise wert. Blieben noch Gujarat und die entlegenen Nordostprovinzen. Vielleicht irgendwann einmal. Sonams Homestay im Glühwürmchenwald von Sikkim könnte mich auch einmal wieder locken, ebenso der Annapurna Circuit in Nepal. Und vielleicht im fortgeschrittenen Alter ein Wiedersehen mit Hampi, einem der schönsten Orte dieser Reise. Doch all dies liegt noch fern.

Hier sitze ich nun also nach vier Monaten Indien und blicke zurück auf eine schöne Reise. Ich wurde weder beraubt noch bedroht. Nie wurde es so richtig gefährlich. Abgesehen von einer anfänglichen Erkältung und einmal schlechtem Fisch war ich die ganze Reise lang gesund. Die guten Erinnerungen überwiegen mit Abstand. In knapp vier Monaten durchstreifte ich dieses Land von den südlichen Stränden bis zum Himalaya, von Kolkata bis zur westlichen Wüste. Es war heiß und kalt, trocken und feucht. Ich sah die Bauten ferner, jüngerer und jüngster Vergangenheit, erlebte eine fantastische Vielfalt von Kultur und Natur. Tempel, Burgen, Paläste habe ich erkundet, Museen durchwandert, Berge, Täler und Wälder voll Leben gesehen. Das war Indien. Das war Nepal. Das ist das Ende einer wunderbaren Reise.

Morgen früh werde ich die erste Metro zum Indira Gandhi International Airport nehmen und Indien verlassen. Doch noch geht es nicht nach Hause. Zuvor folgt noch das langersehnte Wiedersehen mit einer Fee und die gemeinsame Reise auf einem Fluss ins Herz eines gebirgigen Landes weit südöstlich von hier. Dort fand ich vor fünf Jahren einen paradiesischen Ort, den wir nun in Zweisamkeit besuchen werden. Wir freuen uns auf Luang Prabang am Ufer des Mekong. Doch dies ist eine andere Geschichte, zu der es gewiss keinen Bericht wie diesen geben wird.

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116 Fatehpur Sikri

Januar 10, 2015 at 2:47 am (Indien&Nepal)

Nach Frühstück im Hotel nahm ich ein Tuktuk zum Busbahnhof und gelangte von dort nach einer Stunde Fahrt ins westliche gelegende Fatehpur Sikri. Der Ort hat eine kuriose Geschichte. Bis Mitte des sechzehnten Jahrhunderts war er nur ein unbedeutenders Dorf. Dann befand sich hier ein paar Jahrzehnte lang die Hauptstadt des riesigen Mogulenreiches, die europäische Besucher (eine Handvoll Jesuiten) mit London und Rom gleichsetzten. Die Einwohnerzahl erreichte angeblich eine Viertelmillion, für das sechzehnte Jahrhundert sehr viel. Nach dem Tod Akbars des Großen wurde Fatehpur Sikri aufgegeben und wurde binnen kurzer Zeit wieder zum unbedeutenden Dorf. Geblieben sind die Ruinen einer weitläufigen Palastanlage, die vielleicht schönste Moschee Indiens und der Titel „UNESCO Weltkulturerbe“.

Noch kurioser als die demografische Entwicklung des Orts ist die Ursache für seine Kür zur Hauptstadt. Auf dem Hügel über dem Dorf lebte nämlich ein weiser, heiliger Sufi. Akbar litt darunter, bisher nur Töchter gezeugt zu haben und konsultierte den Sufi, was denn da los sei. Dieser versicherte Akbar, dass ihm eine seiner vielen Frauen schon bald einen Sohn gebären würde, wenn der Sufi seinen Segen gäbe. Als Austausch wollte er wohl nur, dass Akbar seine Hauptstadt hierher verlege. Welch schlauer Sufi das doch war.

Akbar bekam wenig später seinen ersten Sohn (den späteren Jehangir) und der Sufi liegt heute in einem wunderschönen Mausoleum im Hof der riesigen Moschee von Fatehpur Sikri.

Abgesehen von Akbars Leichtgläubigkeit, sind die meisten Dinge, die man von ihm weiß und zu wissen glaubt bewundernswert. Von seinem toleranten, weltoffenen Führungsstil könnte sich manch ein Machthaber der Gegenwart etwas abschauen. So betrachtete Akbar alle Religionen als gleichberechtigt und erlaubte etwa auch seinen Frauen, anzubeten, wen immer sie wollten, ob Allah, Vishnu oder sonst wen. Angeblich hatte er sogar eine Frau christlichen Glaubens. Durchstreift man Akbars Palast, so findet man nicht nur muslimische Symbolik, sondern auch christlich-jüdische, jainistische und hinduistische. Wie interessant, dass das Mogulenreich unter dem toleranten Akbar florierte und unter seinem fanatischen Urenkel Aurangzeb zu Grunde ging.

Nach meiner Ankunft in Fatehpur Sikri besuchte ich als erstes die Moschee. Das Schönste an ihr ist das riesengroße, rotweiße Eingangstor, das Buland Darwaza. Im Inneren der Moschee gibt es viel zu sehen. Eine Serie von unterschiedlich großen Sarkophagen am Boden markiert die Gräber der lokalen Aristokratie vergangener Zeit. Ein ganz kleiner Sarkophag ist auch dabei. Hier liegt die Lieblingsbrieftaube eines Adeligen neben ihrem Herrn. Weiter hinten befinden sich Treppen zu einem versperrten Tunnel. Angeblich reicht dieser unterirdisch bis ins vierzig Kilometer weit entfernte Agra Fort und ist so groß, dass man per Pferd hindurch reiten kann. Ich zweifle ein wenig. Herzstück der Moschee ist aber das weiße Mausoleum jenes Sufis, dem die Stadt ihren Ruhm zu verdanken hat. Die verschiedenen Steine (Marmor, Sandstein, Onyx) und die Tür aus afrikanischem Eibenholz sind schön anzusehen.

Durch ein zweites großes, reich verziertes Tor (the king’s gate) gelangte ich von der Moschee zur weitläufigen Palastanlage Akbars. Wie viele Burgen und Paläste, die ich in letzter Zeit gesehen hatte, ist der Palast in öffentliche Empfangsfläche, private Empfangsfläche und Zenana (Frauengemächer) unterteilt. Letzere sind in Fatehpur Sikri klar die größten, hatte Akbar doch laut manchen Angaben bis zu 5000 Konkubinen. Anderen Männer riet er jedoch zur Monogamie, da alles andere der männlichen Gesundheit schade.

Ich wanderte ein paar Stunden lang zwischen den Palastbauten umher. Leider ist von den schönen Wandmalereien nur mehr wenig erhalten. Von einigen Gebäuden ist der Verwendungszweck bis heute ein Rätsel. Der Name vieler Gebäude führt in die Irre, basiert er doch auf Volkslegenden und nicht auf archäologischen Fakten. So hat im „Palast der türkischen Prinzessin“ nie eine türkische Prinzessin gelebt. Überhaupt ist der Ort fernab der Frauenquartiere. Und auf dem großen Ludo-Spielbrett am Boden hat Akbar auch nie Ludo mit seinen Frauen als Spielfiguren gespielt. Die Bodenmarkierungen entstanden erst eine Weile nach seinem Tod.

Historisch belegt ist, dass Akbar bis zu seinem Tod Analphabet war. Trotzdem war er „belesen“, umgab er sich doch Zeit seines Lebens mit Gelehrten aller Welt, lauschte ihren Disputen und lernte von alledem. Ein ganzes Gebäude diente der Aufbewahrung wertvoller Schriftrollen. Akbar gab auch Bücher zu diversen Themen seiner Zeit in Auftrag. Er veranlasste die Übersetzung von Mahabharata und Ramayana ins Persische.

Nach dem Palastbesuch aß ich in Fatehpur Sikri ein spätes Mittagessen und nahm den Bus zurück nach Agra. Hier verbrachte ich noch einen geruhsamen Nachmittag und Abend.

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115 Agra

Januar 9, 2015 at 11:23 am (Indien&Nepal)

Nach einer problemlosen Zugfahrt, stieg ich kurz nach sieben Uhr morgens auf den Bahnsteig der Agra Fort Station und fand sogleich einen Cloak room, um meinen Rucksack zu hinterlegen. Gleich gegenüber dem Bahnhof erheben sich die roten Mauern der historisch sehr bedeutenden Burg von Agra. Die Mogulen hatten ihr weites Reich ebenso viel von Agra als von Delhi aus regiert. Akbar der Große hatte hier anno 1565 mit der Errichtung der Burg begonnen. Im nahen Fatehpur Sikri wollte er sich eine neue Haupstadt schaffen, scheiterte aber am Wassermangel. Dorthin würde ich morgen reisen. Jetzt galt es das Fort zu erkunden, auf dem alle vier großen Mogulenkönige Akbar, Jehangir, Shah Jahan und Aurangzeb ihre Spuren hinterlassen haben. Der größte Teil der Burg ist militärisches Sperrgebiet und für Touristen tabu. Nur der südöstliche Teil von Agra Fort ist Besuchern zugänglich. Hier haben zahlreiche Bauten der Mogulenzeit die Armeepräsenz von Britannien und Indien überdauert.

Durch einen kleinen Park mit vielen schreckhaften, doch niedlichen Rhesusaffen und entlang der Straße gelangte ich von der Nordseite zur Südseite der Burg. Hier fand ich Einlass. Hindurch durch riesige Tore gelangte ich zu den Palästen der Mogulenkönige. Man kann sie leicht an den Baumaterialien und am Stil unterscheiden. Während Jehangirs Palast in rotem Sandstein gehalten ist und stilistisch an die afghanischen Wurzeln der Moghulen erinnert, weisen die Bauten seines Sohnes Shah Jahan schon jene Vorliebe zu weiß leuchtendem Marmor auf, die später im Taj Mahal ihre Krönung fand. In einem außerordentlich schönen Sarkophag vor Shah Jahans Empfangshalle liegt nicht etwa ein König begraben, sondern bizarrerweise ein britischer Offizier, der hier anno1857 an einer Krankheit starb. Die Privataudienzhalle Shah Jahans ist besonders schön. Hier stand ursprünglich der legendäre Pfauenthron, gespickt mit Diamanten. Später wurde er von Aurangzeb nach Delhi gebracht und dann nach dem Niedergang der Mogulen von Nadir Shah in den Iran verschleppt. Nach dessen Tod wurde er dort auseinandergenommen und zerstört. Natürlich hört man immer wieder Verschwörungstheorien, die besagen, dass das Ding noch irgendwo rumsteht.

Das schönste Gebäude auf der Burg ist wohl das Musamman Burj, ein kleines achteckiges Marmorschlösschen mit Säulenhalle und Turm. Hier war es auch, wo Shah Jahan die letzten acht Jahre seines Lebens als Gefangener zubrachte, nachdem er von seinem fanatischen Sohn gestürzt worden war. Oft stand er wohl hier auf dem Balkon und blickte hinüber auf das Grab seiner Drittfrau, die bei der Geburt des vierzehnten Kindes verschied. Ihr Grab ist das Taj Mahal. Ich hatte die Geschichte von Shah Jahans Gefangenschaft schon mehrmals gehört und hatte mir sein Gefängnis immer als finsteres Kerkerloch mit einem kleinen Fenster hin zum Taj vorgestellt, nicht als halbedelsteinverziertes Prunkschlösschen mit breitem Balkon und Privatmoschee. Der Blick auf den Yammuna Fluss und das Taj Mahal muss bei klarem Wetter hervorragend sein. Ich sah nur Nebel.

Zurück am Bahnhof betrachtete ich von der Fußgängerbrücke aus noch kurz die große Jama Moschee gleich nördlich davon. Dann holte ich meinen Rucksack und ließ mich per Tuktuk zu meinem Hotel bringen, wo ich ein wenig ruhte und gut speiste.

Die Sonne kam heute nicht so recht gegen den Nebel an und ich erwog den Besuch des Taj Mahals auf Samstag früh zu Sonnenaufgang zu verschieben. Morgen Freitag hatte das Taj ausschließlich für moscheebesuchende Muslime geöffnet. Aber vielleicht würde sich die Sonne heute doch noch zeigen. Zuvor galt es noch ein paar andere Sehenswürdigkeiten aufzusuchen. Das Taj Mahal ist schließlich nur eines von vielen Mausoleen am Ufer des Yammuna bei Agra.

Per Tuktuk gelangte ich über eine Brücke ans andere Ufer des Flusses. Unten am Wasser waschen Frauen bunte Tücher und legen sie zum Trocknen in den Sand, ganz so wie auf vielen Bilder und der Titelseite des Lonely Planet Reiseführers von 2014. Ich erreichte das Itimad-ud-Daulah, auch als Baby Taj bekannt. In dem schönen, weißen
Marmormausoleum liegt ein persischer Edelmann mit den besten Verbindungen begraben. Eine seiner Töchter heiratete den Mogulenkönig Jehangir, eine seiner Enkelinnen heiratete Jehangirs Sohn Shah Jahan und liegt im Taj Mahal. Jedenfalls bekam der wichtige Mann aus Persien, der unter Jehangir auch Hauptminister war, ein wunderschönes Grabgebäude, das in Kunstfertigkeit, nicht aber in Größe und Gesamteindruck, mit dem Taj mithalten kann.

Unweit nördlich davon liegt das Chini-ka-Rauza, das Grab des Poeten und Ministers Afzal Khan. Stilistisch hat dieses Mausoleum rein gar nichts mit den anderen Mausoleen von Agra gemein. Nur im Iran und Afghanistan findet man ähnliches. Schöne blaue Ornamente glitzern an den Außenwänden. Im Inneren versteckt sich eine hohe Kuppelhalle mit farbenfrohen Malereien. Der Mann, der mir die Tür aufsperrte, wollte mir den außergewöhnlichen Hall im Inneren demonstrieren und rief ein lautes „Allah-u-akbar“, das imposant durch den dunklen Raum hallte. „Now you!“, kam die Aufforderung. Ich wählte lieber Nietzsche. „Brüder bleibt der Erde treu!“ rief ich etwas zu leise. Das Echo war nur gering. „Try again!“ „Und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Mächten reden.“ Laut hallten Zarathustras Mahnworte durch das Chini-ka-Rauza. „Very good“, sagte der Guide. Hehe.

Die nächste Station war die grüne Parkanlage Mehtab Bagh mit ihren Moscheeruinen. Der Ort wäre an sich nichts Besonderes, läge er nicht genau auf einer Linie mit Agras Hauptattraktion am anderen Flussufer. Obwohl ich schon den ganzen Tag in Agra war, hatte der Nebel das Taj Mahal bisher von mir versteckt. Nun sah ich es zum ersten Mal, blieb stehen und staunte. Wahnsinn! Auf Bildern unterschätzt man die wahre Größe dieses Bauwerks. Diese perfekte Symmetrie, der weiße Marmor, die Türme und vor allem diese riesige, einzigartig geformte Kuppel sind unglaublich reizvoll anzusehen. Noch war ich nicht dort. Noch hatte ich einen Fluss und ein bisschen Nebel zwischen mir und dem angeblich schönsten Gebäude der Welt. Dennoch war der Anblick sehr bewegend. Als nun doch noch die Sonne zum Vorschein kam, entschied ich, das Taj Mahal schon heute zu besuchen.

Das Flussufer selbst ist übrigens nicht mehr ganz so verdreckt, wie manche Fotos im Internet es zeigen. Es war wohl eben jene durch das Internet und dessen soziale Netzwerke ermöglichte Breitenwirkung dieser Bilder, die die lokalen Behörden zum Handeln bewegt hat. Statt ganzen Müllbergen liegen am Ufer des Yammuna nur noch ca. zwei bis drei Plastikmüllobjekte pro Quadratmeter. Das ist für Indien sehr sauber.

Eine Stunde später stand ich vor dem Taj Mahal. Schon das riesige, rote Eingangstor zu den Ornamentgärten ist faszinierend. Beim Durchschreiten des Portals sieht man vor sich das Taj umrahmt vom dunkelroten Torbogen. Schritt für Schritt nähert man sich entlang der Wasserwege und kleinen Brücken, sieht Springbrunnen, das Taj und dessen Spiegelung. Die von Nebelresten leicht getrübte Abendsonne hüllte alles in milchiges Licht. Bezaubernd.

Das schöne, rote Sandsteingebäude links des Taj Mahals ist eine Moschee, das idente Gebäude rechts des Taj Mahals erfüllt keinen vordergründigen Zweck. Es ist nur da, um die Symmetrie nicht zu brechen. Für sich allein würden beide als hohe Gebäude erscheinen, wirken aber winzig neben dem Taj auf seinem hohen Marmorsockel.

Dreimal umrundete ich das Gebäude, einmal unterhalb des Sockels, zweimal auf dem Sockel, jedes Mal ein Stück näher. Dank der späten Stunde war nicht mehr ganz soviel los. Die Sonne senkte sich langsam zwischen den Türmen der westlichen Moschee.

Hier in Agra hat man die Unsitte eingeführt, dass Besucher heiliger Stätten, anstatt sich die Schuhe auszuziehen, weiße Plastiktüten über ihre Füße stülpen dürfen. Da die Dinger leicht reißen, sind sie nur einmal verwendbar. Der viele Müll… Seufz.

An den vier identen Außenwänden des Taj gibt es viel zu bestaunen. Besonders schön ist die schwarze Kaligraphie, Koranverse zeigend, welche nach oben hin größer wird, um von unten gleichförmig zu wirken. Die blumige Pietra Dura Kunst und die in den Marmor gehauenen Ornamente sind ebenso ein Blickfang. Am meisten beeindruckt aber die schiere Höhe der monumentalen Spitzbogenportale.

Im Inneren des Taj herrscht striktes Fotografierverbot. Ausländische Touristen halten sich meist daran, Inder so ziemlich gar nicht. Das Mausoleum ist daher erfüllt vom Blitzlichtgewitter fotografierender Inder und dem Gebrüll der Wachen, die hilflos versuchen das Fotografieren zu unterbinden. Seufz. Schafft man es, dies alles auszublenden, ist der Ort schummrig und schön. Ein wunderschöner, filigraner Marmorzaun umgibt eine Vertiefung, in welcher zentral unter der Kuppel der kleine Sarg von Shah Jahans Drittfrau Mumtaz Mahal liegt. Daneben, als krasser Symmetriebruch im sonst perfekt symmetrischen Gebäude, steht der Sarg von Shah Jahan selbst. Nach seinem Tod nach acht Jahren Gefangenschaft anno 1666 ließ ihn sein sparsamer Sohn Aurangzeb zeremonienlos in diesem nie für ihn vorgesehenen Mausoleum bestatten. Das kam eben am billigsten. Beide Särge sind anscheinend leer. Die richtigen Särge befinden sich in einer unzugänglichen Kammer tiefer unter dem Taj.

Wieder im Freien sah ich der Sonne beim Untergehen zu und drehte noch ein paar Runden ums Taj und durch die Ornamentgärten. Da man die kleinen Springbrunnen inzwischen ausgeschaltet hatte, kam die Spiegelung des Taj im Wasser noch klarer zum Vorschein. Lang saß ich noch auf einer Marmorbank am Wasser und blickte auf das (wohl nicht nur angeblich) schönste Gebäude der Welt. Allmählich wurde es Nacht und die Wachen begannen, die letzten Besucher zum Ausgang zu treiben. Als einer der letzten verließ ich den Ort, diesen Fast-Abschluss und letzten Höhepunkt dieser Reise.

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114 Jodhpur II

Januar 8, 2015 at 6:16 am (Indien&Nepal)

Der Tag gehörte ganz Mehrangarh, der imposanten Burg über Jodhpur. Nach einem guten Frühstück auf der Dachterasse meines Hotels mit Blick auf den hohen Verteidigungswall machte ich mich auf, diesen zu erklimmen. Schon bald schritt ich durch die ersten beiden Tore Mehrangarhs und sah die Einschlaglöcher der Kanonenkugeln einstiger Belagerer. Sie waren alle gescheitert. In ihrer sechshundertjährigen Geschichte ist diese Burg nie erobert worden.

Bevor ich durch weitere Tore zum Burgschloss hinaufstieg, wartete noch eine ganz besondere Attraktion. Auf den nördlichen Mauern der Burg und den Hügeln dahinter gibt es eine „Zip Line“ Anlage, auch bekannt als „flying fox“. Hoch über Felsen und Seen rast man teils über hundert Meter weit die Stahlseile entlang und genießt dabei wunderbare Aussicht auf Burg, Stadt und Hügel. Ähnliches hatte ich schon im Dschungel Nordthailands erlebt. Hier, mit weitem Blick auf Burg und trocknes Land, hatte das ganze aber einen völlig anderen Charakter als im grünen Urwald.

Bevor das Abenteuer begann, verbrachte ich eine schöne halbe Stunde im stillen, grünen Park nördlich der Burg. Dann ging es los. Mit Klettergurt und Handschuhen schwebte ich schon bald von Hügel zu Hügel und Wall zu Wall, unter mir gelegentlich ein See, doch meistens trockener Stein.

Ich teilte die Tour mit einer Schulklasse aus San Francisco, die mit ihrem Religionslehrer auf einer einmonatigen Indienexkursion war. Der symphatische Lehrer (trotz Übergewicht besonders geschickt auf der Zip-line) fokussierte seinen Unterricht auf Jainismus und Hinduismus. Daher das Ziel der Schulreise. Zwischen den einzelnen Flügen unterhielten wir uns über Taoismus und Weltpolitik. Zum dritten Mal auf dieser Reise bekam ich die Anregung, Howard Zinn auf meine Leseliste zu setzen. Jedenfalls ist der Flying Fox von Mehrangarh sehr zu empfehlen. Spannend und hoch. Schön und weit.

Man kennt die Umgebung nördlich Mehrangarhs wohl aus Christopher Nolans neustem und letztem Batman-Film. Auch die prägnante kreisförmige Mauer, hinter der sich im Film das tiefe Loch hinab zum Gefängnis verbirgt, ist auf dem Zip-Line Gelände zu finden.  ‚Out of this hole, the dark knight rises.‘ Amüsant zu sehen, dass der Graben hinter der Mauer in realitas nicht einmal einen Meter tief ist. Und da ist Christian Bale keuchend herausgekrochen.

Nachdem ich endgültig wieder festen Boden unter den Füßen hatte, besorgte ich mir einen Audioguide und ließ mich in die Geschichte der Rathore Dynastie von Jodhpur einführen.

Die Vergangenheit scheint hier in Mehrangarh noch ganz nah zu sein. Man staunt, wenn man vor dem alten weiß glänzenden Krönungsthron steht und der amtierende Maharaja im Audioguide von seiner Kindheitserinnerung erzählt, wie er hier im Jahre 1952 als Vierjähriger zum König gekrönt wurde. Seine Mutter erinnert sich, wie sie als Sechzehnjährige in die Zenana, die strikt abgeschotteten Frauengemächer des Burgschlosses, gebracht wurde. Auf einer Wand neben dem vorletzten Burgtor sieht man die farbigen Handabdrücke aller 31 Frauen eines 1843 verstorbenen Maharajas. All seine Frauen folgten ihm am Tag seiner Kremation ins Feuer.

Das Burgschloss glänzt mit vielen wunderschönen Fassaden, mit glanzvollen Innenräumen, herrlicher Aussicht und faszinierenden Exponaten. Ein besonderes Highlight ist der prächtige Phool Mahal, wohl einer der schönsten Räume der Welt. Unter den vielen Ausstellungsstücken beeindruckten mich vor allem die vielen Howdahs und die Miniaturmalerei. Ein besonders schönes Gemälde zeigt Rama und die Affenarmee beim Überqueren des Meeres nach Lanka.

Nach dem Museumsbesuch schlenderte ich noch eine Weile lang zwischen den vielen Kanonen auf dem Verteidigungswall umher und blickte weit hinab zur blauen Stadt, die von hier oben viel blauer aussieht, als wenn man in ihr herumirrt. Schön ist es, den hunderten Greifvögel zuzusehen, die im Winter von Norden kommend hier verweilen und Mehrangarh noch idyllischer machen, als es ohnehin schon ist. Was für ein schöner Ausklang meiner Zeit in Rajasthan.

Ich verließ die Burg durch das abgeschiedene Osttor. Hier war ich plötzlich allein auf weiter Flur. Mehrmals blieb ich stehen und blickte hinauf zu den hunderten Greifvögeln, die direkt über mir die Thermik vor dem Burgwall nutzten, um höher zu steigen. Ein beeindruckendes Naturschauspiel.

Durch wirre Altstadtgassen gelangte ich zurück zu meinem Hotel, holte meinen Rucksack ab und marschierte zum Bahnhof. In seiner Nähe aß ich gut und reichlich zu Abend. Ich bestellte ein Bajra-ki-Roti mit Wüstengemüse. Hervorragend.

Kurz nach acht fuhr mein Zug ab. Es war der letzte Nachtzug meiner Reise. Nostalgisch lag ich in meiner Koje und ließ mich nach Osten tragen. Die Fahrt ging zurück nach Uttar Pradesh, wo ich in Agra das angeblich schönste Gebäude der Welt besuchen wollte.

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113 Jodhpur I

Januar 7, 2015 at 3:33 am (Indien&Nepal)

Es war noch tiefe Nacht, als ich um halb sechs Uhr morgens durch die inzwischen so vertrauten Burgtore hinab in die Stadt und von dort zum Bahnhof schritt. Die erste Hälfte dieses nächtlichen Spaziergangs durch die Gassen der Burg, vorbei an Tempeln und Kühen, war sehr beschaulich.

Bald saß ich im drittletzten Zug dieser Reise und bewegte mich in Richtung Jodhpur. Die meiste Zeit war ich ganz allein in meinem Waggon. Durch das Fenster hindurch sah ich ein weiteres Mal die Sonne hinter der Wüste aufgehen.

Kurz nach Mittag erreichte ich Jodhpur, die blaue Stadt mit ihrer Burg, die wohl die imposanteste Rajasthans ist. Ihr Name ist Mehrangarh. Schon von weitem sah ich ihre hohen Mauern, als ich vom Bahnhof in Richtung Zentrum schritt und wieder einmal das Geschrei der Tuktukfahrer und der „My friend!“-Leute ignorierte.

Ein nettes Hotel war schnell gefunden und im Handumdrehen saß ich bei Thali, Bier und WLAN auf einer sonnigen Dachterasse mit guter Sicht auf die monumentalen Mauern von Mehrangarh. Sie waren schon zum Greifen nah. Doch erst morgen würde ich erkunden, was dahinter liegt. Der heutige Tag gehörte ein paar kleineren Sehenswürdigkeiten ganz in meiner Nähe.

Als erstes stieg ich hinauf zum Jaswant Thada, dem wunderschönen Marmormausoleum eines Maharajas von Jodhpur. Das weiß leuchtende Gebäude bietet wohl den richtigen Vorgeschmack auf das, was übermorgen kommt. Ruhig und friedlich an einem kleinen, blauen See zwischen den Felsen gelegen und von Ziergärten umsäumt, ist das Jaswant Thada ein guttuender Erholungsort nach dem aufdringlichen Treiben der Straße. Vögel fliegen zu den Türmen hinauf oder landen im See. Zwei Inder musizieren im Park. Einziger Wermutstropfen: der turbantragende Astrologe, der im linken Turm Menschen betrügt: „Instant Horoscope Designing, Predictions for life-time via email“. Seufz. Wie passend, dass ich heute im Zug Voltaires Meinung zur Astrologie gelesen habe. Er zerpflückt sie, bis nichts mehr bleibt und äußert den hoffnungsvollen Wunsch, dieser billige Hokuspokus möge doch mit seinem (dem 18.) Jahrhundert zu Ende gehen. Das war leider zu optimistisch gedacht.

Vorbei am einzigen Eingangstor der Burg stieg ich zurück hinab ins Gassengewirr der blauen Stadt. (Blau ist sie auf der Südseite der Burg nur zu fünfzehn bis zwanzig Prozent.) Es ist sehr leicht, sich hier zu verirren. Der Plan der Altstadt weist kaum rechte Winkel auf. Nachdem ich den belebten Sardar Markt mit seinem schönen Uhrturm gesehen hatte, drehte ich noch eine Runde um das Wasserbecken von Gulab Sagar. Sogar Tretboote gibt es hier. Wie sich wohl die Hindus hier bei den rituellen Waschungen fühlen, wenn plötzlich ein Touristentretboot an ihnen vorüberzieht?
Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, mein Hotel wiederzufinden. Auf der Dachterrasse sah ich die Sonne hinter der Burg untergehen und aß später noch Pakora und ein gutes Paneer Chilly.

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112 Jaisalmer III

Januar 6, 2015 at 9:11 am (Indien&Nepal)

Die Sonne geht hier im äußersten Westen des Ein-Zeitzonen-Landes Indien sehr spät auf. Um sechs Uhr morgens herrscht noch tiefe Nacht. Da der Mond um etwa diese Zeit fast so rot wie die Sonne hinter den Dünen versank, wurde die Nacht kurz nach sechs sogar ein bisschen dunkler als sie es bisher gewesen war. Man sah plötzlich mehr Sterne. Schnell aber wurden diese vom östlichen Schein der Morgendämmerung wieder verscheucht. Nur die Planeten waren länger sichtbar. Kurz nach halb acht ging dann die Sonne auf.

All dies sah ich unter meinen drei warmen Decken am Boden liegend. Bald jedoch lockte Abdullahs heißer Tee zum Aufstehen. Nach einem kleinen Frühstück hieß es Abschied nehmen. Richard und Christa, die beiden Amerikaner, ritten mit Abdullah tiefer hinein in die Wüste. Ich selbst ritt auf Bablu hinter Abbas her, der mich binnen zwei Stunden zurück zur Straße führte. Hier wartete ein Jeep und brachte mich zurück nach Jaisalmer.

Kurz vor Mittag war ich wieder dort. Ich genoss eine Weile lang den Komfort meines Zimmers und besuchte dann die drei schönen Jain-Tempel auf der Burg. Ich hatte diese schon mehrmals passiert. Die Gasse zu meinem Hotel führte direkt daran vorbei und teilweise sogar unter dem Tempelgebäude hindurch. Die Zugangsbeschränkungen sind beachtlich. Die Tempel sind für Nicht-Jainisten nur zwischen elf und eins geöffnet. Schuhe und sämtliche Lederprodukte (Geldtaschen, Gürtel) sind nicht erlaubt. Weiters weist ein großes Schild darauf hin, dass Frauen während ihrer Periode draußen bleiben müssen.

Im Inneren der sechshundert Jahre alten Tempel fand ich, wie schon in den Jainheiligtümern von Ellora und Khajuraho, erstaunlich kunstvolle Steinarbeiten. Schöne Gravuren zieren jeden Quadratzentimeter der Innenräume und Außenwände, der Säulen und Kuppeln dieser beeindruckenden Gebäude. Gezeigt werden Gottheiten sowie Szenen des täglichen Lebens.

Nach gutem Mittagsmahl in der Sonne über den Mauern, verließ ich die Burg um die Stadt ringsum zu erkunden. Hier findet man wunderschöne Havelis – alte, prunkvolle Stadthäuser mit bis zu sechs Stockwerken und prunkvollen Steinarbeiten, vor allem auf den Außenfassaden und in den Innenhöfen. Manche Havelis kann man betreten und von Innen erforschen. Auf den Straßen ringsum herrscht das übliche Treiben der Händler und Betrüger. Dazwischen ziehen heilige Kühe friedlich dahin.

Nachdem ich die Burg umrundet hatte, zog ich mich noch einmal in mein Zimmer zurück, um dann später bei herrlichen Blick auf zwei der drei Burgtore zu Abend zu essen.

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111 Jaisalmer II

Januar 6, 2015 at 9:10 am (Indien&Nepal)

Nach gutem Frühstück ging es per Jeep nach Westen. Wir waren zu dritt: ein Pärchen aus Seattle und ich. Nach zwei kurzen Abstechern zu einem verlassenen Ruinendorf und einer Oase erreichten wir einen Ort etwa fünfunddreißig Kilometer westlich von Jaisalmer. Hier trafen wir auf unsere Kamele und unseren Kamelführer Abdullah mit seinem Sohn Abbas. Das letzte Mal auf einem Kamel geritten war ich vor über zehn Jahren in Tunesien. Damals war es nur für etwa eine Stunde gewesen. Nun erwarteten mich eineinhalb Tage Wüstenzauber. Von Jaisalmer aus kann man aber auch bis zu dreiwöchige Wüstenritte unternehmen.

Mein Kamel hieß Bablu, die beiden der Amerikaner hießen Simon und Johnny Number One. Wie das vierte Kamel unserer kleinen Karawane hieß, jenes auf dem Abbas und Abdullah ritten, ist mir entgangen. Es schimpfte aber immer so schön, wenn es zum Aufstehen oder Niederknien aufgefordert wurde. Faszinierende Tiere. In meinem alten Kamelsattel war eine Scheide fürs Schwert integriert. Ob hiermit wohl einst in Schlachten geritten wurde? So abwegig war das gar nicht. so mancher robuste Gebrauchsgegenstand ist hier Jahrhunderte alt.

So ritten wir also weiter nach Westen, tiefer hinein in die große Thar Wüste zwischen Indien und Pakistan. Wir hielten kurz in einem kleinen Dorf. Sofort bestürmte uns eine Schar von Kindern. Sie fragten nicht nach Geld, sondern hauptsächlich nach Schokolade und „school pen“. Ratschlag an künftige Indienreisende: Nehmt eine Packung Kugelschreiber mit und macht viele Kinder damit glücklich.

Das Reiten auf einem Kamel ist gewöhnungsbedürftig. Jedenfalls waren wir jedesmal froh, wenn ein Zwischenziel erreicht war und wir  absteigen konnten. Abdullah und Abbas kochten ein schmackhaftes Mittagessen, das wir im Schatten des einzigen Baumes weit und breit zu uns nahmen. Am späten Nachmittag erreichten wir ein Gebiet hoher Sanddünen, die im Licht der Sonne golden glänzten. Hier machten wir endgültig Halt.

Es ist immer wieder schön auf Dünen zu klettern und durch den warmen Sand wieder hinab in die Täler dazwischen zu gleiten. Die Formen, die der Wind in den Sand zeichnet, sind erstaunlich. Ich fühlte mich an Death Valley und White Sands National Park erinnert. Es war noch kein Jahr her, da ich dort denselben Charme der Wüste erlebt hatte. Nun allerdings folgte, was ich anderswo nicht gehabt hatte: eine Übernachtung unter freiem Himmel mitten in der Wüste. Ob die Sterne so zahlreich sein würden wie im Death Valley?

Noch bevor die Sonne unterging, wurde mir klar, dass es mit der Sternenpracht nichts werden würde. Ich hatte auf den Mond vergessen. Fast voll erhob er sich gegenüber der roten Sonne. Und schon bald, nachdem letzere hinter den Dünen versunken war, sah ich am Boden meinen Schatten im Mondlicht. Der alte Erdtrabant war so hell, dass wir in seinem Licht nach dem Abendessen noch lange Karten spielen konnten. Jedenfalls markierte die Düne, von der aus ich die Sonne untergehen sah, denn endgültig westlichsten Punkt dieser schönen Reise.

Das Pärchen aus Seattle befand sich übrigens auf einer Weltreise von vierzehn Monaten Dauer. Nach drei Monaten in Südamerika, zwei in Ostafrika, drei in Europa, ein paar Wochen im nahen Osten und einem Monat in Nepal hatten sie nun drei Wochen Zeit für Indien bevor es weiterging nach Sri Lanka und Südostasien. Die Spielkarten hatten sie in Rumänien erstanden. Welcher Ort bisher am schönsten von allen war? Auf diese Frage hatten sie eine klare Antwort: Ruanda und der östliche Kongo. Erstaunlich.

So schlief ich also unter vielen Decken am Wüstenboden unter blassen Sternen und einem hellen Mond. Die Nacht verlief ruhig. Nur die Kamele neben uns niesten ab und zu.

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110 Jailsamer I

Januar 6, 2015 at 9:08 am (Indien&Nepal)

Nach ruhiger Fahrt bei gutem Schlaf erwachte ich im noch fahrenden Zug und verbrachte dort einen angenehmen Vormittag bei Lektüre und Aussicht auf die vorbeigleitende Wüstenlandschaft. Tee und Samosas der durch den Zug streifenden Händler machten die Fahrt noch angenehmer.

Kurz nach Mittag erreichte der Zug das Ende der Bahnstrecke: die Stadt Jaisalmer im Westen Rajasthans. Wieder einmal alle Tuktuks und Taxis ignoriernd, bahnte ich mir meinen Weg zur nahen Burg. Diese ist auf ihrem Hügel viel weitläufiger als Amber oder Jaigarh Fort. Das, was die Feste zu Jaisalmer aber vor allem auszeichnet, ist ihre Lebendigkeit. Sie ist kein toter Ort, den man nur mit Ticket und Guide erforscht. Hinter den hohen Mauern verbergen sich belebte Gassen. Wohnhäuser, Restaurants, Hotels, Tempel – alles findet im spärlichen Raum Platz. Nachdem ich die Burg entlang einer Rampe durch drei imposante Tore hindurch betreten hatte, fand ich dort hoch über Stadt ein schönes, günstiges Hotel mit ausgesprochen nettem Eigentümer.  Wenig später saß ich in einem Restaurant mit Wüstenblick direkt auf den Mauern der Burg. Immer wieder schön anzukommen. In seiner Gesamtheit erinnert die Burg von Jaisalmer sehr an das ferne Carcassonne, dem vorläufigen Endpunkt meiner Fernwanderung auf dem E4. Wann ich wohl wieder dort sein würde?

Nachdem ich meine Kamelsafari für den folgenden Tag (und die Nacht) organisiert hatte, erkundete ich das Burgschloss, von wo einst die Maharawals von Jaisalmer geherrscht hatten. Wie verwirrend und interessant es doch ist, dass die Herrscher der einzelnen Rajput-Klans unterschiedliche Titel tragen: Maharana in Udaipur, Maharawal in Jaisalmer und Maharaja in Jaipur. Jodhpur hat auch einen Maharaja. Von Bikaner weiß ich es nicht.
Beim Besuch des Burgschlosses fällt auf, dass die Maharawals nicht mit dem Prunk von Udaipur und Jaipur mithalten konnten. Dazu ist die Gegend zu arm und zu trocken. Angeblich kann ein Kind hier bis zu sieben Jahre alt werden, bevor es das erste Mal Regen sieht. Dank frühem Raubrittertum und nahen Handelswegen erreichte die Stadt aber doch beachtlichen Wohlstand. Dreimal in ihrer Geschichte, als Eroberung drohte, verübte man kollektiven Selbstmord. Die Frauen stiegen der Reihe nach ins Feuer, während die Männer ohne Rüstung dem Feind entgegenritten.

Die Aussicht vom Turm des Burgschlosses lässt am Horizont viele Windräder erkennen. Diese produzieren den Strom für das Militär, welches die nahe pakistanische Grenze bei Nacht mit Flutlicht beleuchtet.

Viel hatte ich heute nicht mehr vor. Ich trank ein gutes Vanilla-Lassi, spazierte durch die Gassen der Burg und aß schließlich mit schöner Aussicht zu Abend.

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109 Jaipur III

Januar 6, 2015 at 9:08 am (Indien&Nepal)

Es kam mein dritter Tag in Jaipur. Nach einem gemütlichen Vormittag im Hotel ließ ich mich per Fahrrad-Riksha zum Statue-Circle in der Neustadt bringen. Das palastähnliche Gebäude daneben ist kein Palast, sondern ein „Center for Science and Technology“. Was ein bisschen beunruhigt ist, dass auf der Hinweistafel neben soliden Dingen wie Biomedizin auch auf den Forschungsbereich „remote sensing“ hingewiesen wird. Whatever that may be.

In der Nähe liegt Jaipurs großer Central Park. Hier wanderte ich eine Weile lang durchs Grün und wartete darauf, dass die Sonne doch noch zum Vorschein käme. Im Unterschied zu den letzten beiden Tagen tat sie es aber nicht. Der riesige Flaggenmast im Zentrum des Park erinnert an Connaught Place in New Delhi. Daneben steht eine moderne Skulptur aus Stein. Interessant waren vor allem Reichtum und Vielfalt der Vogelwelt im Park. Ich sah so manch schönes Flügelwesen von Baum zu Baum zu Wiese flattern.

Nach einem guten Thali, nahm ich ein Fahrradriksha nach Norden zum Fuß der Felswand, auf welcher die Burg von Nahargarh thront. Auch von hier aus hatten die Maharajas über Jaipur geherrscht. Ich stieg die vielen Serpentinen zum Verteidigungswall empor. In der Burg selbst gibt es einen kleinen Palast zu sehen, welcher schöne Torbögen und Wandmalereien aufweist. Von überall auf den Mauern hat man fantastische Aussicht auf das riesige Jaipur, das sich unter einem unheilvollen wolkenverhangenen Himmel bis zum Horizont erstreckte.

Am äußersten Ende des Verteidigungswalls gibt es ein nettes Restaurant mit Bar. Bei einem Glas Signature-Whisky stand ich lange auf dem Wachturm und blickte auf die Stadt hinab.

Hernach schritt ich allein auf weiter Flur noch etwa eine Stunde lang den äußeren Verteidigungswall entlang und erhaschte so manch schönen Blick in die Ferne. Es war ein schöner Spaziergang unter dunklen Wolken mit einem Hauch von Melancholie. Beim Weg zurück hinab nach Jaipur fiel mir auf, wie viele Drachen über der Stadt schwebten. Auf Hausdächern, in Straßen und auf Plätzen – überall ließen Kinder bunte Papierdrachen steigen. Hunderte bevölkerten den Himmel in der Abenddämmerung.

Mein Rikshafahrer, der zuverlässig und kostenlos auf mich gewartet hatte, brachte mich zurück in die Nähe meines Hotels. Nach gutem Abendmahl und ein paar Stunden im Internet brachte man mich zum Bahnhof, wo ich kurz nach Mitternacht in meinen Zug stieg. Das Ziel war die Wüstenstadt Jaisalmer am Rande der großen Thar-Wüste, der westlichste Punkt dieser Reise.

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108 Jaipur II

Januar 3, 2015 at 3:51 pm (Indien&Nepal)

Der erste Tag des neuen Jahres bescherte mir wieder ein ganz besonderes Reisehighlight. Der auf einer Anhöhe befestigte Palast der alten Hauptstadt zehn Kilometer nördlich von Jaipur wirkt nicht nur, als befände man sich in einem Fantasy-Roman, er heißt auch so: Amber.

Obwohl keinerlei Verbindung zu Roger Zelaznys Amber Chronicles besteht, kommt das Fort von Amber der Vorstellung, die ich von Corwyns Amber hatte, recht nah. Nicht so schön, doch weitläufiger als Amber Fort ist das auf dem Hügelkamm darüber gelegene Jaigarh Fort. Mitsamt den vielen Verteidigungswällen auf den Hügeln ringsum und den schönen Wasserreservois bilden die beiden Forts ein zauberisches Ensemble einer Märchenwelt aus Träumen.

Doch gehen wir’s chronologisch an. Den Vormittag verbrachte ich großteils in Albert Hall, einem der wohl schönsten Museen dieser Reise. Neben vielen Kunstschätzen aus der Region, von Töpferei bis Miniaturmalerei, findet man dort etwa auch eine ägyptische Mumie, die der Maharaja bei einem Kairobesuch erstand. Auch schöne Schwerter gibt es wieder. Man könnte ein ganzen Tag in diesem Museum verbringen, so reich und vielfältig sind die Exponate, so schön das Gebäude im indo-sarazenischen Stil.

Später fuhr ich dann im zum Bersten vollen Bus (auch ein Erlebnis) nach Amber und verbrachte dort den Rest des Tages.

Von den Gärten am Ufer des Maota Sees blickte ich hinauf zu den breiten gelblichen Mauern und Türmen des weitläufigen Amber Forts, über dem noch viel höher gelegen das Jaigarh Fort liegt. Ein steinerner Pfad führt in Serpentinen zum Fort empor. Auf halber Strecke ließ ich eine Folge schön geschmückter Elefanten an mir vorüberziehen. Sie trugen Touristen zum Fort hinauf.

Im Fort selber gibt es viel zu sehen. Vor allem das große, mosaikgeschmückte Ganesh Tor, die glitzernde Siegeshalle und die versteckten Gemächer der Damen sind sehenswert. Schön ist es aber auch, an diversen Stellen die weite Aussicht auf die hügelreiche Landschaft zu genießen. Der Blick hinab auf den bunten, geometrischen Garten auf einer Insel im See lässt staunen.

Etwas übertrieben geraten ist der Audioguide, der den Besucher durch das Fort führt. Dass die einzelnen Tore und Höfe in sentimentaler Ich-Form erzählen, wer alles durch sie hindurch geschritten ist, wirkt doch etwas lächerlich. Wenn dann auch noch das personifizierte Amber Fort zu Wort kommt und das ebenfalls sehr gesprächige Jaigarh-Fort als älteren Bruder lobt, ist es nur mehr lächerlich. An einer Stelle fragt dann die weibliche Stimme der Siegeshalle, wen der Haupterzähler denn heute mitgebracht habe. Gemeint ist der Besucher, den der Audioguide dann als „someone very special“ bezeichnet. Seufz. Kann das Ding nicht einfach die historischen Fakten ausspucken? Trotz Audioguide war es eine schöne Tour.
Nach Kaffee und Sandwich stieg ich schließlich steil hinauf zum Jaigarh Fort.

Die Schönheit der Aussicht wird dort oben noch einmal potenziert. Allein das Amber Fort nun aus der Höhe von oben zu betrachten, ist schon reizvoll. Die steinernen Schlangen der Verteidigungswälle ziehen den Blick weit mit sich mit entlang leerer Wüstenhügellandschaft. Greifvögel kreisen in der Ferne.

Im Inneren des weitläufigen Jairgarh Forts gibt es ein paar nette Ausstellungen. Die meisten indischen Besucher kommen aber wegen der weltgrößten Kanone auf Rädern, welche nur ein einziges Mal zum Test abgefeuert wurde. „Weißt du’s noch?“, sagt im Audioguide das eine Fort zum anderen. „Ja, war das ein Knall.“ Jaja.

Besonders reizvoll fand ich es, die weiten Außenmauern des Forts entlang zu spazieren und die Aussicht zu genießen. Hier traf ich neben vielen Menschen auch drei sympathische Languren, die von irgendwoher ein Eis am Stiel aufgetrieben hatten. Ein jeder der drei lutschte ganz in Menschenmanier langsam an seinem Eis. Man konnte sich den Affen bis auf einen Meter nähern, ohne dass sie sich gestört fühlten. Schöne Kreaturen.

Im Sonnenuntergang stieg ich vorbei am Amber Fort wieder hinab zum See und zwängte mich in den nächsten vollen Bus zurück nach Jaipur. Amber würde mir als einer von vielen Höhepunkte dieser Reise in Erinnerung bleiben.

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