Japan 2017

Juli 21, 2017 at 8:29 am (Meine Reisen)

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Tag 1

Der Flug von München nach Tokio war herrlich. Ich genoss die Aussicht. Vom Flieger aus sah ich viel von Europa, Sibierien und Japan. Ein erstes Highlight war Wien, das wir genau überflogen. Der Hauptbahnhof wirkte geradezu winzig. Gut zu erkennen waren auch der Zentralfriedhof, Donauinsel und Donau, der grüne Auen ich bis zur Mündung der March an der slowakischen Grenze überblicken konnte. Bald nach Bratislava konnte man auf Polen und Weißrussland hinabblicken. Schließlich auf Russland und den Ural. Obwohl wir abends starteten und morgens landeten, wurde es nie ganz dunkel. Dazu waren wir zu weit im Norden. Der Flügel, den ich von meinem Fenster aus, war den ganzen Flug lang von der Sonne beschienen. Die Nacht kam nie. Nach sechs Stunden Abendrot begann es einfach wieder hell zu werden. Währenddessen blickte ich hinab auf den mäandernden Ob und auf den mächtigen Jenissei. Unglaublich wie dünn besiedelt diese Landstriche sind. Kaum Straßen und Lichter, keine Brücken und Städte. Nur vereinzelte Seen und Schneeflächeln. Viel Flachland, vereinzelte Hügel, wunderbare Wildnis. Die Lena verschlief ich, als ich über dem östlichen Sibirien etwa eine Stunde lang die Augen schloss. Umso wacher war ich beim Überflug des weiten, verästelten Amurs, an dessem östlichen Ufer endlich wieder mehr Zivilisation zu sehen war. Ein Stück nördlich von Wladiwostok erreichten wir nach zehn Stunden Flug über Land endlich die Japanische See. Wir überflogen das zentrale Honshu. Vom Fenter aus konnte ich bald den Fuji sehen und die Bucht von Tokyo, die wir in großem Bogen umkreisten, um hernach sanft in Haneda zu landen.

Gleich am ersten Tag besuchte ich zwei schöne Extreme der Stadt, zuerst den herrlich ruhigen Meiji-jingu, den großen, von hohen, dichten Bäumen umgebenen Shinto-Schrein, wo Kaiser Meiji und seine Gemahlin ihre letzte Ruhestädte haben. Soviel Grün inmitten der Stadt ist wahrlich erfrischend. Die Teiche, die Blüten und Vögel des Refugiums bilden ein beschauliches Ganzes. Die hohen hölzernen Tore und breiten Aleen zwischen die Baumriesen sind wahrlich erfurchtseinflößend. Abends besuchte ich den Stadtteil Shibuya, der mit seinen Unmengen an leuchtenden Farben, seiner bei Grün von tausenden Fußgänger*innen gleichzeitig gefluteten Kreuzung, seinen hohen Türmen, seinen riesigen Bildflächen und abertausend Shops und Restaurants zum Staunen anregt. Ich aß in einer tradiotenellen japansichen Kneipe, drehte meine Runden durch die Fülle des Ortes und genoss die Aussicht hinab auf dies alles von einem der Wolkenkratzer. Schön.

 

Tag 2

Am zweiten Tage meiner japanischen Reise – noch vor Beginn der Konferenz zu variablen galaktischen Gammastrahlenquelle, verbrachte ich den Morgen damit, durch den ruhigen Stadtteil Yanaka zu schlendern, der von den Umwälzungen, Katastrophen und Bauplänen des zwanzigsten Jahrhunderts weitgehend verschont geblieben ist – ein letztes Stück ursprünglichen Tokios: mit niedrigen Häusern, kleinen Läden und Flair. Nahebei liegt der große Friedhof von Yanaka-reien. Auch Yoshinobu Tokugawa – der letzte Shogun – liegt hier begraben. Ich wanderte zwischen den schriftzeichenreichen Gräbern umher, beobachtete die riesenhaften Krähen, die sich gerne auf den Grabsteinen niederlassen und manch Katze, die hier ihre Runden dreht. Östlich des Friedhofs erstrecken sich kleine Gassen mit Kunstgalerien – unter anderem auch der Workshop des bekannten Malers Allan West. In einem beschaulichen Kaffee machte ich Pause. Ein Stück weiter östlich liegt der riesenhafte Ueno-Park mit seinen Tempeln, Wäldern und Wasserwegen. Auch das wohl beste Museum der Stadt – das Tokyo National Museum – ist hier zu finden. Eben dieses zu Besuchen war mein Plan gewesen. Doch ich hatte übersehen, dass die meisten Museen Tokyos am Montag geschlossen hatten. Stattdessen besuchte ich den Shinto-Tempel von Ueno Tosho-gu, wo neben den beschaulichen Schreinen auch eine Flamme des Feuers der Atombombenexplosion von Hiroshima brennt. Sie soll solange weiterbrennen, bis alle nuklearen Waffen der Welt vernichten worden sind. Nach weiterem Wandeln im Park und endlich seinen südlichen Teichen, gönnte ich mir ein schmackhaftes Fischgericht nahe Ueno-Station und floh dann vor der Hitze des Tages zurück ins Hotel.

Abends ging es wieder nach draußen. Im östlichen Stadtteil von Asakusa besuchte Tokyos meistbesuchten Temple, den Senso-ji. Dieser beeindruckt vor allem durch sein riesenhaftes Donner-Tor Kaminari-mon, sowie die über fünfzig Meter hohe, wunderschön verzierte Pagode. Zu Fuß näherte mich bei einbrechender Dämmerung schließlich dem letzten Höhepunkt des Tages, einem Bauwerk das man schon von weitem sieht. Der 634 m hohe Tokyo Sky Tree ist nach dem Burj Khalifa in Dubai das zweithöchste Gebäude der Welt, über zweimal so hoch wie der Eiffelturm. Hinzu kommt, dass der Turm nicht von weiteren hohen Gebäuden, sondern im Stadtteil Oshiage östlich des Sumida-Flusses nur von kleinen Wohnhäusern umgeben ist. Umso außerirdischer wirkt dieser Turm. Ich fuhr nicht mit der U-Bahn hin, sondern kreuzte zu Fuß den Fluss und bahnte mir durch stille Straßen meinen Weg in Richtung Sky Tree. Mit dem Lift ging es nach oben. Die Aussicht war mehr als überwältigend. Von zwei mit Bars und Restaurants luxuriös eingerichteten Plattformen auf 350 und 450 m Höhe blickt man hinab auf die größte funktionierende Agglomeration, die die Menschheit je hervorgebracht hat. Würde man – die von hier sichtbaren – Nachbarorte hinzuzählen, so wäre Tokyo die größte Stadt der Welt. Doch im Unterschied zu vielen anderen Riesenstädten dieser Erde ist Tokyo auch ein Ort, der funktioniert. Die Infrastruktur ist erstklassig. Armut und Arbeitslosigkeit sind auf sehr niedrniedrigenen. Tokyo leuchtet und glänzt. Unweigerlich löst der Blick hinab auf das pulsierende Lichtmeer von High-tech-Tokyo mit seinen tausend Türmen ein starkes Gefühl von Ehrfurcht und Zuversicht aus. Allein die Tatsache, dass so ein System der zig-Millionen Menschen funktionieren kann, ist erstaunlich. Im Südwesten im Abendlicht noch schemenhaft sichtbar, blickt der Fuji hinab auf die Ebene Tokios. Zwischen den Lichtadern der Stadt erstrecken sich mancherorts die dunklen Flächen der Parks und die zwei dunklen Flussläufe von Sumida und Arakawa. Ansonsten strahlten überall die Lichter der Straßenzüge, Türme und Plätze. Hell und bunt leuchtete das Riesenrad von Odaiba über dem blau beleuchteten Wasser der Bucht von Tokio. Gut erkennbar waren die einzelnen Stadtteile von Shibuya, Shinjuki, Ikebukuru und Central-Tokyo. Zwei Stunden lang blieb ich im Turm und genoss den Blick in alle Richtungen. Keine andere Stadt strahlt so hell in die Nacht hinaus. Die nächtliche Metro brachte mich schließlich ins Hotel nach Ikebukuru.

In den nächsten Tagen würde keine Zeit für Sightseeing bleiben. Der Zweck dieser Reise war schließlich nicht Urlaub.

 

Tag 3

Am Vorabend des letzten Tages der Gammastrahlenkonferenz – dem eigentlichen Hauptzweck dieser japanischen Reise – fuhr ich in den südlich von Ikebukuru gelegenen Stadtteil Shinjuku. Hier befinden sich die imposanten Gebäude des Tokyo Metropolitan Government. Über voluminöse unterirdische Korridore wurde ich auf Laufbändern unter dem halben Viertel hindurchgeschleust und erreichte schließlich die Regierungsgebäude. Ein Lift brachte mich ins oberste Stockwerk eines der zwei Türme. Ein weiteres Mal konnte ich Tokio in der hereinbrechenden Abenddämmerung von weit oben betrachten – diesmal jedoch aus einem ganz anderen Blickwinkel. Statt im Osten – wie auf dem Tokyo Sky Tree – war ich nun eher im äußeren Westen der Metropole. Dennoch fiel es mir inzwischen schon leicht, die einzelnen Wolkenkratzerinseln, Flüsse und Parkflächen zu identifizieren. Auch ein Restaurant gab es hier im Turm. Bei gutem Essen genoss ich den Blick auf Tokio, das stets heller strahlte, je dunkler die Nacht wurde.

Zurück am Boden schritt ich zu Fuß durch die Straßen, querte die Bahnlinie und erreichte das lautschrille Vergnügungsviertel von Kabukicho. Bunter und voller können Straßen kaum sein. Riesige Spielhallen voll klassischer und futuristischer Videospielarten, Restaurants, Karaokebars, dubiose Etablissements mit Manga-Erotik und mehr säumten die engen Straßen. Mittendrin steht ein einsamer Shinto-Tempel. Schöne Kontraste. Eine Stunde lang schritt ich hier umher, studierte die Straßen, Menschen und Speisekarten, kehrte dann zurück zum Bahnhof und fuhr zurück ins nördlich gelegene Ikebukuru, wo die letzte Nacht im Hotel und der letzte Vormittag voller Gammastrahlen folgte.

Am nächsten Tag gegen ein Uhr nachmittags verließ ich Ikebukuru endgültig. Auch wenn ich in acht Tagen noch einmal nach Tokio kommen würde – hierher würde es mich nicht mehr verschlagen. Da war die Bäckerei, wo ich jeden Morgen gefrühstückt hatte. Da war der Weg zur Uni von Rikkyo, den ich so oft zurückgelegt hatte. Schon ein paar Tage können reichen, um beim Abschied nostalgisch zu werden.

Eine spannende Fahrt lag vor mir. Zuerst suchte ich Tokyos südlichem Bahnhof von Shinagawa auf, wo ich den Shikansen nach Kyoto besteigen wollte. Also funktionierte wunderbar. Eine noch besser organisierte Infrastruktur wie die japanische ist kaum vorstellbar. Pünktlich auf die Sekunde fuhr der Shikansen – der japanische Hochgeschwindigkeitszug mit seiner langen, flachen, aerodynamischen Nase am Gleis ein. Ich fand einen schönen Fensterplatz und wurde sogleich mit über 350 km/h nach Süden getragen. Die Aussicht war schön. Zum ersten Mal seit drei Jahren sah ich den Pazifik – diesmal von der anderen Seite. Ich sah Wälder, Flüsse, Städte und den Ozean. Die 480 km lange Fahrt dauerte knapp über zwei Stunden. Als der Zug aus einem Tunnel schoss und das Becken von Kyoto erreichte, war er sogleich von heftigem Regen umgeben. Zu Fuß zu meiner Unterkunft zu gelangen war vorerst nicht ratsam. Zum Glück ist Kyotos futuristischer Bahnhof schön für sich eine Sehenswürdigkeit, die ich in aller Ruhe erkunden konnte, während draußen der Sturm niederging.

Als die Straßen trocken genug schienen, begab ich mich auf die Suche. Einen Teil des Weges konnte ich unterirdisch zurücklegen. Ich kreuzte den Fluss Kamo und erreichte den historisch bedeutsamen Stadtteil Higashiyama. Eben als ein neuerliches Gewitter die Stadt erreichte, fand ich meine Unterkunft. Eine nette, alte Japanerin zeigte mir die Räumlichkeiten und erklärte mir alles in gebrochenem Englisch. Ich war zufrieden. Ein gemütliches Zimmer, das ich die nächsten sechs Tage über bewohnen sollte, erwartete mich. Gleich gegenüber liegt ein buddhistischer Tempel. Beschaulich ruhige Straßenzüge. Schön.

Bald hörte der Regen auf. Ich verbrachte den Abend bei einem Spaziergang durch Süd Higashiyama, entlang dem Rand der Hügelkette über historische Straßen mit so manchem Schrein und manchem Tempeltor. Im Westen konnte ich die untergehende Sonne sehen, im Osten bald darauf den aufgehenden Vollmond. Morgen würde ich hier in dieser Gegend die schönsten Tempel der alten Hauptstadt mit ihren Gärten erkunden. Heute war es dafür schon zu spät. Die Luft noch frisch vom Gewitter. Überall hörte man den Gesang der Zikaden. Welch ein Kontrast zu meinem gestrigen Abend im lauten Shinjuku.

Über einen kleinen Park mit steinernen Brücken über fischreiche Teiche erreichte ich einen nachts bunt beleuchteten Schrein mit tausenden farbigen Lampions. Treppen führten mich hinab in den Stadtteil Gion, der vor allem für die Tradition der Geishas Berühmtheit erlangt hatte. Hier aß ich in einer authentischen Stube ein paar gute Udon-Nudeln mit Fisch. Durch nächtliche Straßen entlang roter Laternen und durch das Gelände eines fast dunklen Tempels hindurch kehrte ich zurück in meine Unterkunft.

 

Tag 4

Kyoto ist sehenswert. Selten gibt es so eine schöne Dichte an Historie und Schönheit, an UNESCO-Weltkulturerbestätten (17) und Wohlfühloasen, an Natur und Kultur zugleich.

Es war ein langer Tag. Tempel für Tempel, Garten für Garten bahnte ich mir meinen Weg den östlichen Waldrand entlang nach Norden, zuerst durch südliche Higashiyama, dann durchs nördliche Higashiyama, dann hinauf in die Berge. Dabei sah ich und erlebte ich vieles. Die schönsten, sorgsamst verzierten, zierlichsten Gärten, die wohl auf der Welt zu finden sind, findet man in Kyoto, wo mancher schöne Shinto-Schrein oder manch buddhistischer Tempel von kunstfertigen Oasen, von Meisterwerken sowohl von Menschhand wie auch von natürlicher Entfaltung geschaffen, verborgen liegen. Vor allem die Gartenlandschaften von Shoren-in, Honen-in und Ginkaku-ji sind hier hervorzuheben. Schön sind aber auch jene Tempel, die durch ihre großen Hallen und imposanten Bauten beeindrucken, etwa Kiyomizu-dera, Chion-in, und Nanzen-ji. Letzterer bleibt mir in besonderer Erinnerung. Zum einen genoss ich dort allein in einem stillen Raum mit Blick auf einen kleinen Wasserfall eine Tasse hervorragenden grünschäumenden Tee. Man sitzt da, betrachtet den Lauf des Wassers und hat all die Zeit der Welt. Wandert man hinter Nanzen-ji ein Aquädukt entlang und dann kleines Tal hinein in die Wälder, so findet man schöne, alte Schreine und einen größeren Wasserfall unter den sich manch Mönch auch im eiskalten Winter gestellt haben soll.

Die vielen buddhistischen Tempel, die ich hier in Kyoto sah, wirkten auch in gewisser Weise wie alte Bekannte. In so vielen Ländern hatte ich schon buddhistische Tempel besucht und die verschiedenen Eigenarten lokaler Ausprägungen des Buddhismus kennengelernt. Gerne denke ich zurück an das nepalesische Lumbini, Buddhas Geburtsort mit seinen vielen Tempeln vieler Länder. Aber auch Sarnath und andere Orte Indiens, die tibetischen Bergklöster Sikkims, die großen Buddhas von Ayuthaya oder Sukothai in Thailand, die vielen beschaulichen Tempel von Laos und Kambodschas – all diese Stätten, die ich meist bei – wie heute sehr hohen Temperaturen – erkundet hatte, flammten mir im Gedächtnis auf.

Mittags aß ich hervorragende Soba-Nudeln. Entlang eines gurgelnden Bach schritt ich danach den sogenannten Philosophen-Pfad entlang zu den nächsten Tempeln und Gärten. Mancherorts herrschte viel Betrieb. Andere Tempel blieben von den Horden gemieden. Teils war ich ganz allein dort. Hoch über dem Ginkaku-ji erhebt sich der Berg von Daimon-ji Gozan. Etwa dreißig Minuten stieg ich den steilen, dichten Wald empor und erreichte dann einen kleinen überdachten Schrein, von wo ich eine wunderbare Aussicht über ganz Kyoto hatte. Ich wollte noch weiter, stieg weitere zwanzig Minuten hinauf zum Gipfel und konnte nun auch weit in Richtung Osten und Süden blicken, fast schon bis nach Osaka. Hier, vierhundert Höhenmeter über der Stadt in den Wäldern war der Blick ins Tal atemberaubend schön. Ich sollte ihn noch länger genießen, als mir lieb war. Am Weg abwärts hörte ich schon bald das Nahen eines Gewitters. Und dann sah ich auch schon wie ein dunkler Regenschleier über der Stadt lag und sich langsam in meine Richtung bewegte. Gerade noch rechtzeitig erreichte ich den überdachten Schrein am Aussichtspunkt. Hier – gemeinsam mit fünf Japanern – brachte ich mehr als eine Stunde lang zu – kämpfte mit dem teils waagrecht einfallendem Regen und bewunderte Blitze, Donner und wandernde Wolkenmassen. Nur wenige so schöne Gewitter habe ich in voller Länge bestaunen können. Schön wars.

Sehr viel später schritt ich talwärts, fuhr mit dem Bus ins Zentrum der Stadt, wo ich die schöne, restaurantreiche Gasse von Ponto-cho durchschritt und auf ein gutes Mahl eingekehrte. Sehr müde aber froh erreichte ich meine Bleibe.

 

 

 

Tag 5

Auch heute wollte ich wieder wandern gehen. Zuerst aber galt es, noch ein weiteres Weltkulturerbe (einige der Tempel des gestrigen Tages waren auch welche gewesen) aufzusuchen. Im nördlichen Kyoto im Mündungsdreieck der Flüsse Takano und Kamo liegt der Schrein von Shimogamo-jinja. Tief im Wald verbergen sich die alten bis ins achte Jahrhundert zurückdatierbaren Bauten. Ein japanisches Paar feierte eben Hochzeit und stand in traditioneller Kleidung zwischen den Torbögen. Ein paar Mönche zogen umher. Beschaulich. Am Weg zurück wählte ich statt der ruhigen Allee zwischen den Bäumen die laute Allee parallel dazu. Hunderte Händler boten hier in kleinen Ständen ihre Waren an. Ich verkostete ein paar Leckerbissen, trank einen ausgezeichneten French Vanille Tapioca Tee und bestaunte potentielle Souvenirs.

Mit einer kleinen Bahnlinie ging es hernach weiter nach Norden, hinaus aus der Stadt, hinein in die Berge. Beim vorletzten Stopp stieg ich aus und schlenderte einem Wildbach entlang nach Nordwesten zur winzigen Ortschaft Kibune. Erfrischend ist es, ausnahmsweise einmal wieder keine Millionenstadt um sich zu haben, sondern waldreiche, saftig grüne Berge. In Kibune gibt es zahlreiche Ryokans. Man kann diese vielleicht am besten als kleine meist familiengeführte Spa-Hotels mit heißen Thermalbecken und exzellenter, traditioneller Küche beschreiben. Der Restaurantbereich ist hier in Kibune bei vielen Ryokans auf einer Bambusplattform direkt über den Fluss gebaut. Gemeinsam mit den roten Lampions schafft dies ein bezauberndes Ambiente.

Im schönen Tempel von Kibune übten sich viele Besuchende im Brauch spezielle Papierblätter auf die Wasseroberfläche eines Teiches zu legen. Dabei wurden nicht nur die Schriftzeichen einer Prophezeiung sichtbar, sondern auch ein QR-Code, den man sogleich einscannen und so eine Übersetzung in ,odernem Japanisch bzw. Englisch bekam. Eigens zu diesem Zweck gab es hier im Bergtempel auch WLAN. Faszinierend.

Von Kibune aus wanderte ich dann über steile Pfade die östlichen Berge hinauf. Ein alter Pilgerweg führt über einen Pass zum nahe dem Gipfel gelegenen Kurama-dera Tempel. Am steilen Aufstieg passierte ich so manchen Schrein. Ein Schild warnte vor wilden Bären. Im heißen, feuchten Klima des Tages war der Aufstieg recht beschwerlich. Aber schön war es auch – hier im Bergwald fernöstlicher Fauna und Flora. Ich erreichte den Tempel, bestaunte seine hohen Hallen, seine Ziergärten und Tigerstatuen. Vor allem beindruckt hier aber die Lage. Weit war die Aussicht über bewaldete Berge und Täler. Auf historischen Steintreppen mit vielen Toren und Türmen stieg ich bald tiefer hinab ins Bergdorf Kurama. Riesige Bäume und sprudelnde Bäche säumten den Weg. Angekommen in Kurama speiste ich in hervorragendes, vegetarisches Mittagsmahl in einem traditionellen Wirtshaus. Anschließend durchwanderte ich das Dorf und erreichte den hiesigen Onsen – so heißen die traditionellen Thermalbäder Japans. Das Konzept Spa hat hier eine lange Tradition. Der Boden des pazifischen Feuerrings ist reich an heißen Quellen. Ich bekam einen Kimono und Handtücher zur Verfügung gestellt. Etwa vier Stunden verbrachte ich hier, teils im heißen, von Bäumen umgebenen Außenbecken, teils im Innenbecken, in der Sauna oder im Ruheraum, wo man auf weichen Matten am Bambusboden liegt, die Aussicht genießt, oder auf großem Flatscreen Sumo-ringen schaut. Beim Baden im Onsen gilt es ein paar Regeln zu befolgen. Gebadet wird grundsätzlich nackt, Herren- und Damenbereiche sind streng getrennt. Den Kopf sollte man nicht unter Wasser tauchen, darf sich aber jederzeit mit eigens dafür am Beckenrand stehenden Bambuseimern das heiße Wasser über den Kopf gießen. Das kleinere der beiden Handtücher balanciert man während dem Bad auf dem Kopf. Es war herrlich entspannend. Viel war nicht los. Teilweise hatte ich die Becken für mich allein. Am späten Nachmittag ließ ich mich im Ruheraum von einem Massagestuhl massieren. Die rein japanischen Zeichen auf der Fernbedienung machten dies zum Ratespiel. Doch am Ende war es herrlich entspannend. Als ich später zum zweiten Mal im Außenbecken lag, kam es wie am Vortag zu wolkenbruchartigem Regen mit reichlich Blitz und Donner. Diesmal machte es mir allerdings nichts aus, nass zu werden. Im heißen Becken ließ ich den Regen auf mich niederprasseln, goss mir gelegentlich heißes Wasser über den Kopf und blickte hinauf in den regengepeitschten Wald, den hin und wieder ein Blitz durchzuckte.

Als der Regen später nachließ, stieg ich in die Lokalbahn und fuhr aus den dunklen Bergen zurück nach Süden ins helle Herz von Kyoto.

 

Tag 6

Dieser Tag begann mit Theater. Per Bahn fuhr ich nach Osaka, welches nur dreißig Minuten entfernt liegt und doch nach Tokyo und Yokohama die drittgrößte Stadt Japans ist. Im südlichen Stadtteil von Dotombori enstieg ich der U-Bahn. Schon die Station selbst war eine Attraktion. Neben unzähligen Shops und Restaurants gab es da etwa auch eine Kunstgalerie mit Nachbildungen franzödischer Meister wie Renoir und Monet. Ich staunte.

Wieder oberirdisch stand ich schon bald vor der wunderschönen, hoch aufragenden Fassade des Shochiku-za Theaters. Hier erwarteten mich fast vier Stunden Kabuki-Theater. Unter den vielen Formen traditionellen japanischen Theaters (Kabuki, Rakugo, Bunraku und Noh) ist Kabuki mit seinen schönen Bühnenbildern und seinen prächtigen Kostümen die wohl bekannteste. Schön war es. Ich verstand zwar sehr wenig (höchstens ein paar gelegentliche „Arigatos“ aber die Ausdrucksstärke der Spieler, die andauernde Untermalung mit traditioneller Musik und die durchdachte Bühnentechnik  waren beeindruckend genug. Hier kann man sich einiges abschauen. Bei Kabuki stehen übriges nur Männer auf der Bühne. Zwar wurde diese Form des Theaters von Frauen erfunden, jedoch dachte die Machthaber des späten siebzehnten Jahrhunderts, dass Frauen auf der Bühne zu Aufruhr und Chaos führen. Seither werden bei Kabuki alle Rollen von Männern gespielt.

Erst letzten Herbst hatte ich mit meinen students im Theaterunterricht der ISK einiges über Kabuki recherchiert, was mir nun sehr zugunsten kam. Die Bedeutung so mancher Symbolik auf der Bühne erschließt sich erst mit ein wenig Vorwissen.

In den zwei Pausen der Performance verköstigte ich mich am Buffett. Und auch nach dem Theater ging es kulinarisch auf hohem Niveau weiter. (Auch das Frühstück war schon vorzüglich gewesen: heiße Matcha-Waffel. Hmmmm. Und so grün.) Osaka ist berühmt für seine hervorragende Küche. Im bunten Szene-Viertel von Dotombori gönnte ich mir ein hervorragendes Okonomiyaki. Diese Spezialität der Region – eine Art Pfannkuchen gefüllt mit Fisch oder Fleisch – wird vor den Augen der Gäste mit viel Show zubeteitete. Gekonnt spritze der Kellner in hoher Parabel noch Sauce über das vor mir liegende Gericht. Köstlich.

Ich verbrachte den restlichen Nachmittag mit gemütlichem Schlendern entlang dem Dotombori Kanal, durch die überdachte, prallgefüllte Einkaufsstraße Shinsaibashi-suji und durch das beschauliche Viertel Amerika-mura mit seiner Straßenkunst. Vor allem die Laternen in Strichmännchengestalt bleiben in Erinnerung. Als es dämmerte und all die vielen Lichter, Monitore und Leuchtreklamen von Dotombori viel stärker zur Geltung kamen, wurde das Viertel noch spannender und offenbarte einen Hauch von Science-fiction.

Ein kleines Kamera-Team eines japanischen Senders fragte mich im Vorbeigehen um ein Interview. Sie stellten Fragen zu meinen Reiseerfahrungen und Erlebnissen in ihrem Land. Wahrheitsgemäß lobte ich Küche, Landschaft und Infrastruktur. Es ist schön, hier zu reisen.

Mit Regionalzügen kehrte ich zurück nach Kyoto. Eine Bento-Box mit bestem Sushi aus Dotombori leistete mir Gesellschaft. Die Heimfahrt zog sich. Der Andrang auf die Züge am großen Bahnhof von Osaka war beträchtlich. Man kann nur froh sein, hier nicht zur Arbeit pendeln zu müssen.

Morgen stand ein viel weiteter Ausflug bevor. Doch der würde zugtechnisch viel abgenehmer sein. Ich freute mich schon auf den Shinkansen.

 

Tag 7

Zwei Ziele gänzlich verschiedener Art standen auf dem Programm dieses Tages: die schöne Burganlage von Himeji und – noch weiter im Südwesten – die Stadt Hiroshima mit ihrer dunklen Geschichte. Dazwischen lagen jeweils angenehme Hochgeschwindigkeitszugfahrten im Shinkansen.

Nach gutem Frühstück am Bahnhof von Kyoto brachte mich der Hikari Shinkansen binnen einer Stunde nach Himeji. Schon vom Zugfenster aus erblickte ich den weißschimmernden Turm der schönen Festung. Eine breite Allee verbindet Bahnhof und Burganlage. Durch schöne Ziergärten näherte ich mich dem Monument. Die Baumeister der Burg von Himeji verstanden es, Funktionalität und Ästhetik wundersam zu vereinen. Mit allen ihren Schießscharten und Schächten zum Abwurf von Steinen bleibt der Gesamteindruck der Burg ungetrübt schön. Ich passierte mehrere mittelalterliche Tore und näherte mich dem Hauptturm. Bis zur höchsten Kammer kann man diesen besteigen. Die Aussicht auf das umliegende Land war schön, der Blick hinab auf kleinere Türme und verborgene Innenhöfe ebenso. Typisch japanisch galt es beim Betreten der Burg, die Schuhe abzulegen und die Erkundung barfuß fortzusetzten.

Amüsanterweise war zeitgleich mit mir eine Gruppe niederösterreichischer Musikschüler*innen mit ihren Lehrern in der Burg. Ein Austauschprojekt hatte sie zwölf Tage lang nach Japan geholt. So wurde die Burg von Himeji für etwa eine Stunde klar von Österreicher*inne*n dominiert und Sätze wie „Oida, mir is haaß.“ und dergleichen mehr erfüllten die altehrwürdigen japanischen Hallen. Da die Musikschüler*innen in Eile waren, verpassten sie die schönen Burggärten mit herrlicher Aussicht, die ich fast für mich alleine hatte.

Wieder zurück am Bahnhof fuhr ich mit dem Shinkansen nach Okayama, wo ich mir eine Bento-Box lokaler Spezialitäten holte. Der nächste Shinkansen brachte mich nach Hiroshima. Schön war die grünhügelige Landschaft des südlichen Honshus, die ich speisend hinter dem Zugfenster sah.

In Horishma hatte ich vor allem ein Ziel, den Gedächtnispark rund um Ground Zero des Atombombenabwurfs von 1945. Hier gibt es viel zu entdecken, viel zu bedenken, viel zu betrauern. Es ist einer jener Orte, der von den unbestreitbaren Dunkelstunden der Menschheit zeugt, die uns alle mit Scham, Trauer und Wut erfüllen. Ich verbrachte viele Stunden an diesem Ort. Das Friedensmuseum ist hervorragend und vermittelt besser, als man es für möglich hält, all jenes Wissen, das es möglich macht, möglichst tief in das Elend jenes dunklen Sommertages anno 1945 zu tauchen. Die Bombe explodierte als eben zehntausende Kinder zur Schule gingen. Viele kamen nie nach Haus, viele kamen verbrannt und verstrahlt nur um Stunden oder Tage später ihr Leben zu beenden. In vielen Bildern und Zeitzeugenberichten wird die Katadtrophe von Hiroshima verständlich gemacht. Das Kalkül hinter dem Bombenabwurf wird ebenso analysiert, wie das Elend der Zivilbevölkerung und die heutigen Bemühungen hin zum Ende des Zeitalters nuklearer Waffen. Mehr als 140.000 Menschen starben an den Folgen dieser einen Bombe. Erschütternd sind vor allem die Worte der Überlebenden, ihre grausamen Erinnerungen von aschweißen Straßenzügen voll rotverbrannter Leichen und halbverbrannter, blutender Verletzter, die wie Zombies durch die Straßen wankten und immerzu schrieen – nach ihren Eltern, nach ihren Kindern und nach Wasser. Dann fiel schwarzer, radioaktiver Regen und wer noch konnte, trank davon.

Ein erschütterndes Beispiel, das sich mir besonders eingeprägt hat: „Father and I dig single-mindedly beneath the tiles of our fallen roof, looking for mother. Oh no! Mother’s bones. Oh no! Her bones turn into ashes when I try to pick them up and are blown away with the wind. The taste of mother’s ashes in my mouth.“

Ich hörte diese und noch viele andere Geschichten unsagbaren Leids. Auf meinen Reisen ist mir bisher nur ein anderer Ort untergekommen, der ein ähnliches Gefühl von Wut und Trauer zu vermitteln vermag: Tuol Sleng – das Foltergefängnis der Roten Khmer im Kambodscha.

Heute hat Hiroshima eine zentrale Botschaft: nie wieder. Die Stadt wird nicht müde, starke Symbole für den Frieden zu setzen. Jedes Jahr am 6. August um 8:15 verharrt man hier in Stille. Man gedenkt der Opfer. Japans Premierminister ist auch immer dabei, zuletzt auch die Außenminister der G7. Als erster amerikanischer Präsident kam Barrack Obama nach Hiroshima. Vetschiedene Friedensinitiativen wie „Mayors for peace“ fanden in Hiroshima ihren Anfang. Die Stadt ist wieder zum Leben erwacht und floriert.

Im Gedächtnispark gibt es viel zu sehen, auch die Flamme des Friedens, die solange brennt, bis keine Nation mehr über Nuklearwaffen verfügt. Traurig und schön sind auch die tausend und mehr Papierkraniche, die eine Säule umgeben. Zehn Jahre nach der Katastrophe erkrankte ein japanisches Mädchen, das als Kleinkind in Hiroshima gewesen war, an Leukämie – ein damals typisches Schicksal. Sie nahm sich vor, im Krankenbett tausend Papierkraniche zu falten und somit am Leben zu bleiben. Als sie dann doch starb, machten ihre Klassenkameradinnen weiter. Auch heute bringen japanische Schulklassen Papierkraniche nach Hiroshima.

Am anderen Ufer des Flusses neben dem Gedächtnispark steht der sogenannte Atombombendom- die Ruine eines Jahrzehnte vor 1945 errichteten Industriegebäudes mit Kuppeldach. Als eines von ganz wenigen Gebäuden innerhalb der Zweikilometerzone war es nicht eingestürzt – vielleicht auch deshalb,  weil die Schockwelle direkt von oben und nicht seitlich kam. Als mahnendes Zeichen steht die Ruine am Ufer des Flusses.

Es gibt noch mehr zu sehen und zu erzählen. Kurzum: Hiroshima zu sehen, ist erschütternd und wichtig. Es lohnt, so viel wie möglich über Hergang und Folgen der dunkelsten Stunden der Menschheit zu wissen. Umso besser kann man vielleicht seinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Dunkelstunden immer weniger werden und es umso mehr Sternstunden gibt.

Bei der nächtlichen Heimfahrt im Shinkansen sah ich als Erinnerung an den Vormittag die festlich beleuchtete, weiß strahlende Burg von Himeji an mir vorüberziehen. Eine gänzlich andere Welt.

 

Tag 8

Am Vorabend meines letzten Tages in Kyoto – unmittelbar nach meiner Rückkehr von Hiroshima – verbrachte ich noch geraume Zeit am riesigen Bahnhof von Kyoto. Dieser lädt zur ausgiebigen Erkundung ein. Vor allem nachts, wenn alle Lichter leuchten, zeigt dieses Gebäude eine ungeahnte Schönheit. Von Rolltreppen vorbei an Glitzerskulpturen bis in den zehnten Stock getragen, hat man immer bessere Sicht hinab in die Haupthalle mit ihrem gewölbten Dach. Auf dem Skywalk kann man ebendiese Halle nun elf Stockwerke über dem Boden überschreiten und auf das winzige Geschehen dort unten hinabblicken. Gleichzeitig hat man beste Aussicht auf das nächtliche Kyoto in Norden, vor allem auf den in allen Farben strahlenden Kyoto Tower.

Noch ein bisschen höher liegt der weitläufige Skygarden. Im schummrigen Licht der Laternen kann man ihr die Silhouetten so manchen japanischen Pärchens zwischen den Palmen ausmachen. Eben erhob sich der Mond orangefarbenen über den östlichen Hügeln. Ein weiteres Licht unter vielen. Ruhige, schöne Musik drang aus versteckten Lautsprechern. Der Wind wehte durch die Palmen. Wie romantisch doch so ein Bahnhofdach sein kann. Nahebei liegt die bunte Restaurant-Meile „The Cube“, wo man sich glänzend verköstigen kann.

Über breite, mit abertausenden LED-Lichtern bestückte Treppen hüpfte ich zurück nach unten. Dabei hatte ich stets, das allmählich näher rückende, doch immer noch winzige Treiben der Haupthalle vor mir. Ein Blick zurück hinauf vom Fuße der Treppe ließ innehalten. Die vielen LED-Leuchten ließen diese nicht nur strahlen, sondern schier lebendig werden. Eben waren alle Stufen in glitzerndes Blau getaucht. Dann, plötzlich, stürzt sich von oben her eine Welle aus Türkis hinab in die Tiefe. Und dieses Meer, das nun entsteht, wird plötzlich von leuchtenden Fischen bevölkert, die fröhlich über die Stufen gleiten. Auch das Wasser selbst bewegt sich in gemächlichen Wogen. Und unten stehen die Menschen am Fuße der Treppe mit offenen Mündern. Fantastisch.

In meinem Ranking der schönsten Bahnhöfe der Welt, schob sich Kyoto Station in diesen Augenblicken ganz nach oben, zumindest was den Gesamteindruck betrifft. Würde man allein die Außenansicht des Gebäudes als Kriterium nehmen, so liegt ein anderer Bahnhof wohl uneinholbar an erster Stelle. Nichts kann wohl mit dem dunklen, monumentalen Charme von CST mithalten – dem Chhatrapati Shivaji Terminus von Mumbai, den ich vor zweieinhalb Jahren erkunden durfte.

Es wurde Nacht und es wurde Tag. Ich machte auf, meinen letzten in Kyoto zu verbringen. Es gibt noch viel zu sehen. Man könnte noch eine Woche bleiben und hätte längst noch nicht alles gesehen, das Sehenswert war. Selbst für alle Weltkulturerbestätten würde man viel mehr Zeit benötigen, als ich zur Verfügung hatte. Es galt also zu wählen. Gewiss gab es noch genug schöne Tempel, doch der Tempel war ich überdrüssig. Viel reizvoller fand ich jene Stätten, die Natur- und Kulturerlebnis miteinander verbinden. So traf ich also eine Wahl.

Nach gutem Frühstück brachte mich eine Vorortbahn nach Nordwesten, dorthin wo der Hozu-gawa Fluss den Bergen entweicht und sich in das Becken von Kyoto ergießt. Hier gab es einiges zu sehen, vor allem aber die berühmte Bamboo Grove, eine durch dichten Bambuswald führende Straße. Hoch türmte sich der Bambus beidseitig nach oben und schloss sich zum Blätterdach über der Straße. Schön war der Blick die dünnen, harten Bambusstämme entlang in den Wald hinein. Am Ende dieser schönen Bambus-Allee liegt das Anwesen von Okochi Denjiro, einem berühmten japansichen Samurai-Film-Star, der von den dreißiger bis in die sechziger Jahre gewirkt hatte. Hier, am Hügelrand von Kyoto, hatte er sich einen wunderbaren Garten geschaffen, den man heute besichtigen kann. Ein schöner Ort. Über schmale Pfade wandelt man die Gärten empor, genießt schöne Aussicht auf Nah und Fern. An manch schöner Stelle verharrte ich minutenlang, erblickte Pilze und Insekten oder schaute weit in die Ferne, wo man im Osten das Becken von Kyoto und dahinter die östlichen Hügel erblickte. Auch den Daimonji, auf dessen Gipfel ich vor wenigen Tagen gestanden hatte, konnte man sehen. Auch nach Westen hin gab es Aussicht. Man blickte dort weit hinein ins schöne, grüne Tal des Hozu-gawa, sah einen kleinen Tempel am gegenüberliegenden Hügelrand, vor allem aber hochaufragenden, dichten Dschungel. Auch Affen gab es hier. Schilder warten vor ihrer Diebeskunst. Zu Gesicht bekam ich keinen. In der Hitze war es ihnen wohl zu heiß.

Während ich den Garten durchschritt, stellte ich mir oft die Frage, ob seinen Urheber, diesen Filmstar der Fünfziger vielleicht aus dem ein oder anderen Kurosawo-Film kannte. Handelte es sich vielleicht sogar um den Helden aus Yojimbo, jener Film, der ein paar Jahre später als „Eine Hand voll Dollar“ von Sergio Leone neuverfilmt wurde – vom Eastern zum Western gewandelt. Das Original von Kurosawa ist natürlich besser. Oder kannte ich diesen Schauspieler aus den „Sieben Samurai“, aus „Rojimbo“ oder anderen Kurosawa Meisterwerken? Eine schnelle Google-Suche beim nächsten WLAN Hotspot zeigte mir, dass es nicht so war. Okochi hatte nie mit Kurosawa gearbeitet. Schade eigentlich.

Ich beendete meinen Besuch des schönen Gartens mit seinen versteckten Schreinen und kleinen Bambushäuschen mit einer hervorragenden Tasse Grüntee (im Preis inkludiert).

Unweit des Gartens liegt ein großer, schöner Park, den ich bald emporstieg. Einmal mehr hatte ich schöne Sicht auf Kyoto, vor allem aber hinab zum Fluss in der Gegenrichtung. Auf schmalem, steilem Pfad stieg ich nun hinab zu seinem Ufer und ließ meine Füße eine Zeit lang vom Wasser umspülen. Dabei sah ich so manchen Wasservogel und so manch Bewegung im dichten Wald des gegenüberliegenden Ufers. Weiter flussabwärts kreuzt die große Brücke von Togetsu-kyo den Fluss. Oberhalb der Brücke passiert das Wasser eine Staustufe und wandelt seinen Charakter. Bambusboote laden zum Ausleihen und ein und locken aufs Wasser. Viele Menschen queren die Brücke. Wasservögel und Libellen durchschwirren die Luft. Ein beschaulicher Ort. Um ihn ein wenig länger zu genießen, kehrte ich in einer Gaststätte an der Brücke ein, wo ich hinter großen Panoramafenstern hin zum Fluss ein Mittagessen zu mir nahm. Gekonnt schlürfte ich meine Soba-Nudeln, dass es nur so spritze. (Das muss man so machen, um sich nicht die Lippen zu verbrennen.)

Der Höhepunkt des Tages stand aber noch bevor. Mit der Bahn fuhr ich von Nordwest nach Südost. Was hier in den Hügeln verborgen liegt, ist erstaunlich. Viele Strömen dorthin. Zurecht. Ich erreichte den Schrein von Fushimi Inari-Taisha. Dieser ist meinen seinen hohen Hallen zwar sehr schön, jedoch keinesfalls die Hauptattraktion des Ortes. Viel faszinierender ist, was sich dahinter in den Hügeln befindet. Ein Netz von Wanderwegen führt in etwa einer Stunde Marsch hinauf zum Gipfel. Doch es sind keine einfachen Wege. Wege wie diese sah ich noch nie. Abertausend organefarbene, mit Schriftzeichen verzierte Tore (auf japanisch: Tori) überspannen den Weg dicht an dicht – so dicht, dass es fast einer Überdachung gleicht. Alle sind einzigartig. Verschiedene Größen, verschiedene Schriftzeichen. Wie Schlangen schlängeln sich die so umwölbten Wege den Wald hinauf. Es müssen tausende sein. Dazwischen begegnen den hier Wandernden fast ebensoviele Füchse aus Stein. Dem Fuchs kommt in der lokalen Mythologie eine besondere Bedeutung zu. Einerseits ist er ein Bote der Getreidegottheit, andererseits vermag er dämonengleich von Menschen Besitz zu ergreifen, in dem er einem unter die Fingernägel kriecht und dort in den Körper eindringt. Eine Unzahl von steinernen Füchse grinste mich im orangenen Tunnelgang an. Ein jeder einzigartig. Mal neu, mal alt und vom Moos überwuchert. Am Weg liegen auch beschauliche Schreine, Teiche und schöne Aussicht hinab auf die Stadt. Hauptattraktion bleibt aber der Weg selbst mit seinen tausenden Tori. Faszinierend.

Es war viel los. Anfangs war ich noch von Horden von Touristen umgeben und fürchtete, dass dieser Umstand nicht nur ein Fotografieren der Tori ohne Menschen im Bild, sondern auch das Wahrnehmen des wahren Charakters des Ortes unmöglich machen würde. Doch desto weiter man den Wegen folgt, desto höher man den Wald hinauf steigt, umso weniger werden die Menschen, umso spärlicher Werden die Begegnungen. Nahe dem Gipfel hatte ich den orangenen Pfad im dichten Wald stellenweise ganz für mich allein. An manchem Ort verharrte ich, beobachtete Spinnen und Vögel und wartete darauf, dass wieder jemand käme. Dunkle Wolken hatten sich inzwischen vor die Nachmittagssonne geschoben. Gelegentlich grollte der Donner. Mein Weg wurde schummrig. Der mystische, unheimliche Charakter des Pfades unter den Tori zeigte sich stets deutlicher. Daran konnten auch die gelegentlichen Getränkeautomaten am Wegesrand nichts ändern. Hämisch grinsten die steinernen Füchse.

Tempel, Gärten und Bahnhof hin oder her -der Besuch dieser Stätte war unleugbares Highlight meiner Zeit in Kyoto.

Von Südwest fuhr ich abermals nach Norden, wo ich in der Abenddämmerung noch ein wenig durch den Tempelbezirk von Daikotu-ji schlenderte. Ich war ganz allein am Weg. Hohe Hallen und steinerne Mauern säumten einen stillen, schattigen Weg zwischen den Tempeln. Ein ruhiger Abschluss.

Nach einem schmackhaften Okonomiyaki im belebten „The Cube“ am Bahnhof, nahm ich zum letzten Mal den nun schon so vertrauten Bus mit der Nummer 206 zu meiner Bleibe. Morgen früh würde ich Kyoto nach sechs Nächten endgültig verlassen.

 

 

Tag 9

Um 6:01 stieg ich in den Bus zum Bahnhof. Um 6:42 stieg ich in den Shinkansen nach Norden. Noch wollte ich nicht nach Tokyo zurückkehren. Zwei Orte wollten noch besucht werden: ein Berg und ein Ozean. Zuerst kam der Ozean.

Es war schon wieder über drei Jahre her, dass ich den Pazifik zum letzten Mal berührt hatte. Zum ersten Mal hatte ich ihm im November 2001 erlebt. Als Fünfzehnjähriger war ich in seiner Mitte auf den hawaiianischen Inseln gestanden. Das zweite Mal hatte ich ihn an seinem östlichen Ende erlebt, im Jahr 2014 and der kalifornischen Küste. Von San Francisco bis San Simeon war ich den Highway 1 nach Süden gefahren, den Pazifik stets zu meiner Rechten. An der Steilküste westlich der Golden Gate Bridge war ich herumgeklettert und hatte einen Kolibri gesehen. Nun, das dritte Mal, würde ich den Pazifik in seinem äußersten Westen (im fernen Osten) berühren. Natürlich könnte man einfach nur zum Strand gehen. Reizvoller schien es mir jedoch, gleich mit einem Schiff eine Stück weit ins Meer hinauszufahren, um dort auf einer Insel zu nächtigen und im Zuge dessen noch schnell einen Vulkan zu besteigen.

Der Shinkansen brachte mich in die Hafenstadt Atami. Vom Bahnhof bis zum Fährhafen waren es etwa fünfundzwanzig Minuten Fußmarsch. Man hätte auch mit dem Bus fahren können, aber ich hatte Zeit und es war durchaus angenehm, die engen Gassen der Hafenstadt zur breiten Standpromenade hinabzusteigen und dieser bis zur Fähre zu folgen. Kurz darauf saß ich schon in einem Boot, das mit 80 km/h die Wellen durchschnitt und schon bald die Vulkaninsel Oshima erreichte. Diese liegt weit ab von den üblichen Touristenrouten. Schon im Kabuki-Theater von Osaka war ich wohl der einzige Zuseher nichtjapanischen Ursprungs gewesen. Auf der Fähre nach Oshima – der größten der Archipels Izu – erging es mir ebenso. Vom Ladungssteg im Hafen von Motomachi aus hatte man schönen Blick auf die Küste und hinauf in Richtung Vulkan, dessen Gipfel in den Wolken lag. Angenehm war der starke Wind, der mir frische, salzige Meeresluft ins Gesicht blies.

Oshima ist etwa 90 Quadratkilometer groß und hat zwei Häfen. Je nach Wind- und Strömungsverhältnissen legen die Fähren entweder im Hafen von Motomachi oder im Hafen von Okata an. Das wird jeden Morgen neu entschieden. Im erstgenannten Hafen war ich heute angekommen. In zweitgenanntem lag meine Unterkunft. Die kleine, dünnbesiedelte Insel verfügt zum Glück über ein Busnetz. Eine Linie umrundet die Insel in etwa einer Stunde, eine zweite führt hinauf zum Vulkan. Im Vergleich zu den öffentlichen Verkehrsnetzen von Tokyo oder Kyoto war dies denkbar einfach.

Angekommen in Okata – ein schönes, kleines, in einer kleinen Bucht gelegenes Hafendorf mit Strand – ließ ich mein Gepäck im Hotel und begab mich leichtfüßig auf eine lange Wanderung. Ein Stück weit konnte ich mit dem Bus fahren. Ich war der einzige Fahrgast. Der freundliche, alte Fahrer brachte mich hinauf zum Ende der Straße ein paar hundert Meter unterhalb der Vulkan-Caldera. Auf den Weg hinaug gab es wunderbare Aussicht: über dem saftigen, hellleuchtenden Grün der Insel das tiefe, schöne Blau des Ozeans. Wunderbar. Als ich aus dem Bus stieg, gab es jedoch keine Aussicht mehr. Es war kühl. Kalte, Nebelschwaden wehten mir ins Gesicht. Auf zum Gipfel.
Ohne jemandem zu begegnen bahnte ich mir meinen Weg hinauf in Richtung Vulkan-Caldera. Auffällig waren die vielen schönen Blumen (Ich muss noch herausfinden, welche Pflanze dies ist.), die überall am Wegesrand blühten. Einmal sah ein Tier, eine Art kleines Reh, vor mir im Nebel den Weg kreuzen. Trotz der fehlenden Aussicht auf den Pazifik und den Rest der Insel, die von hier aus zur Gänze überblicken könnte, war die Wanderung schön und vor allem herrlich erfrischend. Der kühle Nebel tat gut. Schön beim Hochsommerwandern in Japan einmal nicht schweißnass sondern nebelnass zu sein.

Bald sah ich am Wegesrand die ersten eingetrockneten Lavaflüsse. Immer größere Basaltbrocken säumten den Weg. Nach etwa 40 Minuten Marsch durch den Nebel erreichte ich die Caldera, von wo man bei gutem Weg hinab in den immer noch dampfenden Krater blicken könnte. Im Jahre 1986 – als ich ein Jahr alt wurde – war hier alles voller Lava gewesen. Sämtliche Bewohner*innen der Insel waren damals evakuiert worden. Ich umwanderte den Krater auf etwa 700 Metern Seehöhe. Schließlich, vom Nebel schon ganz durchnässt, begann ich den Abstieg entlang des sogennanten Desert Trails. Nördlich des Vulkans wandert man in der Tat durch eine Art Wüste. Der Ausbruch hatte vor dreißig Jahren sämtliches Erdreich zerstört. Noch hatte die Vegation noch nicht genug Zeit gehabt, wieder Wurzeln zu schlagen und neues Erddreich zu schaffen. Man wandert durch eine Wüste zerbröckelnder Lava von einst. Der übliche Effekt des scheinbaren Durchwanders mehrerer Klimazonen beim Herabsteigen von hohen Bergen war hier auf Oshima noch einmal verstärkt. Desto weiter oben man sich befindet, umso mehr Erddreich war vom Vulkanausbruch verdrängt worden. Binnen zwei Stunden in denen ich vom Krater talwärts wanderte, durchquerte ich eine sich stets wandelnde Landschaft: zuerst Wüste, dann Steppe, Savanne und schließlich dichter grüner Wald. Und dann das Meer. Nicht nur optisch war dieser Wandel zu spüren. Vor allem die Geräuschkulisse änderte sich dramatisch. Die Stille der Höhe wich bald dem Schwirren erster Insekten. Mit den Bäumen kamen lautere Zikadenarten. Im dichten Wald herrschte schließlich ein wundersamer Lärm. Oft verharrte ich einige Minuten lang und lauschte faszinierenden Tönen – stets ratend, welches Tier wohl der Urheber davon war.

Schon als ich noch durch die schwarze Wüste schritt, ließ ich Wolken und Nebel hinter mir und sah vor am Horizont wieder das Blau des Pazifiks. Aus dem Kontrast von Schwarz und Blau wurde bald ein Kontrast von Grün und Blau. Stetig näher rückte das Meer. Als die Bäume sich immer weiter in die Höhe streckten verlor ich das Blau wieder aus den Augen. Dann endlich gab mich der Wald frei und ich blickte auf die Wellen. Schön. Eigentlich hätte ich mich nach langem Marsch gleich ins Wasser stürzen wollen, doch die Steilküste bot keinen geeigneten Platz. Ich wandere nordwäich, zurück in Richtung Okata. Entlang einem halbverfallenem, spannenden Küstenpfad durchschritt ich Bucht um Bucht, bestieg Fels um Fels. Es dämmerte. Das Blau von Meer und Himmel veränderte sich allmählich. Schön war die Aussicht auf den sich stets wandelnden Horizont. Bald folgte ich einer Straße weiter nach Norden. In eineinhalb Stunden sah ich drei Fahrzeuge. Mehr war nicht los. Als ich nach Stunden Okata erreichte war es schon fast dunkel. Im letzten Licht des Tages stieg ich hinab zum Hafen mit dem nahen Strand und beendete diesen schönen Wandertag mit einem Bad im Pazfik. Den Strand hatte ich ganz für mich allein. Wunderbar.

 

Tag 10

Der Morgen begann wie der Abend geendet hatte – mit einem Sprung in die Wellen. Die Sonne stand um halb sieben Uhr morgens schon sehr hoch, ging sie doch bereits gegen vier Uhr auf. Es war schon heiß und hell, doch alles schlief. Wieder war ich ganz allein am Strand. Ich durchschwamm die kleine Bucht und blickte hinaus auf das weite Meer, das sich von hier bis nach Amerika erstreckt. Bis zum nächsten Mal, Pazifik, du Ozean, der den Frieden im Namen trägt.

Es erstaunlich, dass es so nahe der Metropolen von Tokyo und Yokohama eine so verlassene Insel wie Oshima gibt. Wieso findet man hier nicht mehr Hotels und Touristen? Vielleicht ist der Vulkan daran Schuld. Und jene, dich doch kommen, sind meist Japaner. Kaum jemand spricht Englisch. Schön ist es hier.

Von der Aussichtsplattform oberhalb des Hafens konnte man an diesem Morgen bis nach Honshu sehen. Ich sah die zerklüftete Küste der Halbinsel Izu und dahinter halb von Wolken versteckt die Umrisse des Fuji. Wenn alles gut ging, würde ich heute Abend auf seiner mir ferneren Seite an einem Gebirgssee weilen. Die Reise begann.

Mit den hochkomplexen, öffentlichen Verkehrsnetzen von Kyoto, Tokyo und Osaka war ich glänzend zurechtgekommen. Dass mir nach alledem ausgerechnet das Busnetz der Insel Oshima mit seinen drei Linien Schwierigkeiten machen würde, war recht unerwartet. So geschah es aber. In Okata, wo stündlich gerade einmal zwei Busse hielten, gelang es mir, den falschen zu erwischen und eine unfreiwillige Fahrt entlang der Ostküste zu machen. Das war unagenehm. Die Zeit drängte. Um 9:55 würde meine Fähre nach Atami (die einzige des Tages) vom Hafen in Mitomachi ablegen. Zwar käme ich auch mit dem fälschlich bestiegenen Bus nach Mitomachi – allerdings erst um 9:50. Und der Kai zwischen Bushaltestelle und Fähre war lang. Dem beherzten Einschreiten des Busfahrers, der kein Wort englisch sprach, ist es zu verdanken, dass trotzdem alles gutging. Als der Bus verspätet um 9:53 im Hafen ankam, durfte ich in ein vom Fahrer organisiertes Auto springen, das den Kai entlangraste und hupend die Fähre zum Verweilen brachte. Ich sprang auf das Schiff und wir legten ab. Erleichtert genoss ich die Überfahrt über das blaue mehr. Er hat sich gelohnt, mein Abstecher nach Oshima.

Zurück auf Honshu lief alles ganz einwandfrei. Ein Bus brachte mich zu Bahnhof, ein Shinkansen weiter nach Yokohama, Regionalzüge über Hachioji und Otsuki nach Kawaguchiko. Noch vor drei Uhr Nachmittags war ich da, hier in dieser kleinen Stadt am großen See. Ich befand mich in der Fünfseenregion nördlich des Fuji. Der Ort versprach wunderbare Sicht auf den legendären Berg, welcher mit 3776 m Höhe auch der höchste Berg Japans ist. Immer noch wird der Fuji als aktiver Vulkan gelistet. Der letzte große Ausbruch liegt dreihundert Jahre zurück.

Vorerst hielt sich Fujisan – wie ihn die Japaner nennen – noch hinter Wolken verborgen. Ich hoffte inständig,  dass sich dies bis morgen noch ändern würde.
In der Zwischenzeit suchte ich mein Hotel direkt am See auf und badete in dessen ach so heißem Onsen – dem Thermalbecken. Sogar einen Yukata bekam ich zur Verfügung gestellt. Auch mein schönes, großes Zimmer bot direkten Blick auf Fujisan oder zumindest auf die Wolken,  hinter denen er sich versteckte.

Gegen fünf Uhr nachmittags brach ich zu einem Spaziergang rund um den kleineren Teil des von einer hohen Brücke überspannten Sees auf. Bevor ich die Brücke in Angriff nahm balancierte ich noch ein bisschen auf den Steinen einer hotelnahen Halbinsel herum. Beim Blick zurück auf Fujisan sah ich dann plötzlichen, dass der Kraterrand über den Wolken erschienen war.

Ich wanderte weiter und mit jedem Schritt wurde die Aussicht schöner, teils weil die Wolken sich verzogen, teils weil ich immer mehr See zwischen mich und Fujisan brachte. Vom gegenüberliegendem Ufer aus gesehen war der Berg schließlich komplett wolkenfrei und wunderschön. Regelmäßig steiler werdend erhob sich Fujisan aus den umliegenden Wäldern. Einzelne, weißblitzende Schneezungen reichten vom Kraterrand bis weit hinab über die basaltenen Wüsten. Ein fantastischer Anblick. Fujisan ist nicht nur der meisbestiegene Berg der Erde, er ist auch der meistgemalte, meistfotografierte Berg der Welt. Er ist einfach schön. Der See selbst mit seinen umliegenden Hügeln und seinem Reichtum an schönen Uferpflanzen ist natürlich auch schön, jedoch gerät all dies schnell außer Acht, wenn Fujisan das Blickfeld dominiert.

Ich beendete meine Wanderung mit stetigem Blick auf den Fuji. Ich aß im obersten Stockwerk meines Hotels mit stetigem Blick auf den Fuji, der im Abendrot glühte. Ich saß noch lang an meinem Zimmerfenster mit stetigem Blick auf den Fuji. In der Dunkelheit ließen sich die Lichter einzelner Wandernder erkennen. Man bestieg Fujisan vorzugsweise nachts um gegen vier vom Gipfel aus den Sonnenaufgang zu erleben.

Gegen zehn legte ich mich noch einmal ins heiße Wasser des hoteleigenen Onsens und dachte daran, dass ich gestern Abend nocg im Meer geschwommen war.


 

Tag 11

Ich erwachte zum ersten Mal gegen vier Uhr morgens, setzte mich ans Fenster und betrachtete den immer noch wolkenfreien Fuji im Morgenrot. Ich erwachte zum zweiten Mal um sechs Uhr morgens und setzte mich wieder ans Fenster. Auch beim Frühstück hatte ich wieder Blick auf den Berg und seine glitzernden Schneezungen. Da mein Hotel überhaupt nicht auf westliche Gäste ausgerichtet war, gab es beim Frühstücksbuffett, das sehr dem Abendbuffet glich, nicht eine einzige Speise, die in Europa als Frühstück gelten würde. Ausnahme war nur der Kaffee. Gebäck, Brot oder gar Aufstriche oder Müsli waren hier nicht zu finden. Es schmeckte trotzdem.

Den See entlang spazierte ich zur kleinen Seilbahn, welche Besuchende auf eine Aussichtsplattform auf einem der Hügel auf knapp über 1000 Meter bringt. Inzwischen hatten sich vor dem Fuji erste Wolken gebildet und ich hoffte noch rechtzeitig oben zu sein, bevor der Berg ganz verschwunden war. Das gelang auch. Zumindest den halben Kraterbereich konnte ich noch sehen. Mit einem Fernrohr studierte ich die Schneezungen und den Kraterrand. Auch der Blick hinab auf den großen See Kawaguchiko war schön. Die Auffahrt hatte sich gelohnt.

Wieder unten suchte ich noch das Fujisan Heritage Center auf. Dieses schöne Museum vermittelt auf intetaktive Weise alles, was es über den Berg zu wissen gibt: seine geologische Entstehungsgeschichte, seine Fauna und Flora, seine Bedeutung in Literatur und Malerei, seine religiöse Bedeutung, seine Wege und Steige, seinen Mythos. Fast war ich versucht, meine Pläne zu ändern und Fujisan doch noch zu besteigen. So groß war die Herausforderung nicht. Bis auf etwa 2300 Meter geht ein Bus. Für den Rest braucht man etwa fünf Stunden.  Konditionell also gar kein Problem. Aber nein. Meine Unterkunft zurück in Tokio war schon gebucht, ich hatte keine Bergschuhe mit und meine Füße waren noch beleidigt von der vorgestrigen Vulkanbesteigung auf Oshima. Außerdem würde man auf dem Fuji gewiss keine Bergeinsamkeit finden. Die offizielle Besteigungssaison hatte eben begonnen. 100.000 Besteigungen in nur zwei Sommermonaten, das heißt mehrere Tausend Wandernde pro Tag. Und Wochenende hatten wir auch noch. Der Aufstieg auf Fujisan gliche wohl eher einem Marsch in Kolonnen. Irgendwie freute ich mich auch wieder auf Tokyo. Ich bin aber guter Dinge, Fujisan nicht zum letzten Mal erblickt zu haben. Und beim nächsten Mal würde ich auch an seinem Kraterrand stehen.

Nach gutem Tempura-Mittagsmahl in Kawaguchiko bestieg ich den Zug und erreichte, die Berge hinter mir lassend, binnen zwei Stunden das seltsam vertraut wirkende Tokyo.

Meine Unterkunft lag diesmal im Stadtteil Ginza, in einem Hochhaus gleich gegenüber dem großen Kabuki-Theater von Tokyo.

Es dämmerte schon, doch eben dies ist die Zeit, in der Tokyo vielleicht am schönsten ist. Mit dem überirdisch zwischen den Wolkenkratzern herumkurvenden und schließlich nach einer 360-Grad Schleife über die hohe Rainbowbridge brausenden Skytrain fuhr ich in den Stadtteil Odaiba, welcher in die Bucht von Tokyo hineingebaut ist. Schön ist es, zur blauen Stunde hoch über Straßen und hoch über der Bucht dahinzuschweben. Der Strand von Odaiba mit seiner unerwartet schönen Aussicht, gehört wohl zu meinen schönsten Tokyo-Erlebnissen. Vor dem Hintergrund einer malerischen Wolkenformation im Abendrot, erhob sich die Rainbow-Bridge hoch übers Wasser. Darüber und dahinter leuchteten die Wolkenkratzer. Das Wasser war voll mit bunten Booten, deren Passagiere ebenfalls den schönen Ausblick genossen. Ich setzte mich an den Strand und sah lange dabei zu, wie der Himmel immer dunkler und Rainbow Bridge und die Stadt dahinter immer leuchtender wurden. Ringsum herrschte ausgelassene Stimmung. Jugendliche spielten Volleyball, jüngere Jugendliche beschossen sich mit Spritzpistolen. Einmal wurde ich vom Ball getroffen, einmal vom Wasser. Es störte mich nicht. Ich verbrachte noch eine Weile in Odaiba. Ein Spaziergang den Strand entlang brachte mich zur elf Meter hohen Kopie der Freiheitsstatue von New York, welche vor dem Hintergrund der Rainbow-Bridge farbenfroh leuchtete. Mit ebendiesem Bild vor Augen aß ich zu Abend und wanderte dann weiter durch die Alleen und Parkanlagen Odaibas. Hier fand ich das große Riesenrad, das mir schon vor fast zwei Wochen von der Aussichtsplattform des Tokyo Sky Tree aufgefallen war. 1999 war es das größte seiner Art gewesen. Farbenfroh drehte es noch immer gemächlich seine Runden. Natürlich stieg ich ein, drehte eine Runde mit (16 min. pro Umdrehung) und freute mich, das nächtliche Tokyo ein letztes Mal auf dieser Reise von oben zu sehen. Etwas später brachte mich der Skytrain zurück zum Bahnhof Shimbashi. Ein nächtlicher Spaziergang führte mich nach Ginza in meine Unterkunft.


 

Tag 12

Ein letzter voller Tag in Tokio stand bevor. Nach dem Frühstück suchte ich den mir schon bekannten Ueno Park auf, um hier doch noch das Nationalmuseum zu besuchen. Vier Stunden verbrachte ich dort. Die Ausstellungen in den verschiedenen Gebäuden waren allesamt hervorragend. Der Audioguide begleitete mich durch die verschiedenen Perioden japanischer Geschichte. So bestaunte ich die Kunstschätze von Jomon- Yayoi-, Kofun- Nara-, Heian- Kamakura-, Muromachi- und Edo-Periode und tauchte ein in das Leben der Menschen von einst. Spannend war auch immer der Vergleich zur jeweils herrschenden Dynastie im chinesischen Kaiserreich. Genauso faszinierend wie die japanischen Kunstschätze fand ich die große Sammlung kontinentalasiatischer Kunst. Vor allem die Exponate aus Indien, Nepal oder Kambodscha weckten in mir Erinnerungen an manches, das ich in diesen Ländern erlebt und gesehen hatte.

Am Nachmittag suchte ich die weitläufigen Hama-rikyu Gärten auf, ehemals im Besitz des mächtigen Shoguns Tokugawa. Sein Grab hatte ich auch schon besucht. Die Gärten haben zwar nichts gemein mit den schönen Ziergärten, wie ich sie in Kyoto gesehen hatte, bieten aber viel Grün und Raum für Erholung im Häusermeer der Stadt. Über den Bäumen sieht stets hochaufragende Wolkenkratzer. Man kann hier lange sitzen, Schiffen und Vögeln zusehen, die Teiche und kleinen Wasserläufe betrachten oder in ein Handy die Erinnerungen einer bald zuendegehenden Reise tippen. Ein kleines Teehaus lädt zur Erfrischung ein. Riesige Rabenvögel beherrschen den Park.

Nach ein bisschen Ruhe spazierte ich abends zum großen Hauptbahnhof von Tokyo. Irgendwie war es mir gelungen, diesen noch nie zu betreten. Auf dem Weg dorthin durchschritt ich den belebten Stadtteil Ginza, voll mit teuren Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Die Chuo-Dori – so heißt die Hauptstraße, die diesen Stadtteil durchzieht, wird an Wochenendnachmittagen zur breiten Fußgängerzone, allerdings nur bis 18:00 Uhr. Die Turmuhr auf dem Seiko-Gebäude schlug eben diese Zeit, als ich hier vorbei schritt. Interessant war es den Verkehrspolizisten dabei zuzusehen, wie sie mit fester Entschlossenheit und lautem Pfeifen alle Fußgänger*innen auf die Gehsteige schaufelten, sodass Fahrzeuge erneut passieren konnten.

Der Hauptbahnhof von Tokyo besteht aus verschiedenen Gebäuden. Auf der Ostseite dominieren zwei moderne Glastürme, auf der Westseite aber findet man einen wunderschönen, altehrwürdigen Backsteinbau, der wie ein Fremdkörper im umliegenden Meer der Wolkenkratzer wirkt. Es ist gar nicht so leicht, ohne Ticket von der einen Seite auf die andere zu gelangen. Man muss durch allerlei unterirdische, mit Shops und Restaurants prall gefüllte Korridore wandern. Doch es gelang. Ich unterquerte alle Schienen und stand schließlich im schönen, historischen Altbau. Hier war es auch, dass ich meinen letzten Abend in Japan mit einer großen Portion Sushi krönte, einmal mehr erstaunt darüber, welch in Europa unauffindbaren Sortenreichtum es hier gibt.

Als ich später am Platz vor dem Marunouchi-Gebäude – dem alten West-Teil des Bahnhofs stand, brach plötzlich ein heftiger Wolkenbruch herein. Ich wurde Zeuge, wie an die dreihundert Menschen gleichzeitig – manche kreischend – auf den kleinen, zentralen Eingang zustürmten. Hier musste ich eine Weile ausharren, da der Zentraleingang keine fahrkartenlos passierbare Verbindung zu den unterirdischen Gängen hat, die mich zurück auf die Ostseite bringen würden.

Nach einem letzten Spaziergang durch die Straßen von Ginza sitze ich nun wieder in meinem Hotel. Interessant ist der Gedanke, dass die zehn bis fünfzehn Schritte, die ich morgen vom Hoteleingang zum U-Bahn-Abgang zurücklegen werde, wohl meine letzten Schritte in Japan unter freiem Himmel sein werden. Der Rest der Reise bis zum Boarding des Fliegers würde drinnen oder unterirdisch ablaufen. Ich hatte ursprünglich geplant, morgen früh aufzustehen und vor der Abreise noch den nahen Fischmarkt, den Tsukiji Market zu besuchen. Doch morgen wird es leider keinen Markt geben. Der dritte Montag im Juli ist in Japan ein Feiertag – der Tag des Meeres. Ich werde also wohl doch direkt zum Flughafen aufbrechen. Ich freue mich schon wieder auf das Überfliegen Sibiriens. Ob ich Ob, Jenissei und Amur noch einmal sehen werde? Vielleicht diesmal auch die Lena und sonst allerhand.

So geht eine Reise zu Ende. In der kurzen Zeit habe ich doch ein bisschen etwas von Japan gesehen. Ich bin vielleicht nicht zum letzten Mal hier gewesen. Ein sehr positiver Eindruck bleibt bestehen.

Wer immer dies liest und Gefallen daran gefunden hat: ich verweise auf meine Reiseberichte zur indischen Reisen von 2014 (über 100 Tage) und zur südostasiatischen Reise von 2009 (sechs Wochen). Beides sollte sich hier irgendwo finden.

Jetzt freue ich mich auf zu Hause. Doch lange werde ich dort nicht bleiben. Dieser Sommer birgt für mich noch eine zweite Reise. Meine Dame und ich freuen uns schon auf Bella Italia, auf Roma, Orvieto, Firenze und Ravenna. Doch zu dieser Reise wird es keine langen Berichte geben. Da wollen wir einfach nur für uns selber sein.

Das war’s. Mehr habe ich zu meiner japanischen Reise nicht zu sagen. (Es sei denn morgen passiert noch etwas Außergewöhnliches – aber ich denke nicht.)

Bye, bye Tokyo.

I’m coming home.

Arigatu gozaimasu.




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Kőszeg, Ungarn – Puigcerdà, Spanien

November 3, 2016 at 9:26 am (Aktuelles, Meine Reisen)

 

Kőszeg, Ungarn – Puigcerdà, Spanien

Was diese beiden Orte miteinander verbindet?

2630 Kilometer Fernwanderweg, die ich beschritten habe!

  1. Juli 2006 bis 1. November 2016

Binnen diesen zehn Jahren ist mir der Europäische Fernwanderweg E4 in kurzen und längeren Etappen immer wieder ein Ort der Erholung und Ruhe gewesen. Habt Dank ihr Wanderwegbewahrer und -gestalter, ihr Wanderorganisationen und Einzelkämpfer, ihr, die ihr dafür sorgt, dass es diese Wege gibt.

Und für alle, die mehr wissen wollen: im Laufe des nächstes Jahres soll ein Büchlein fertig werden, in dem ich meine Erlebnisse vom Wegesrand in Frankreich, der Schweiz und Österreich schildere.

Und auch weiterwandern werde ich. Der E4 ist schließlich 10 000 km lang und erst ein Viertel ist geschafft. Mitte sechzig plane ich in Ost und West das Ende zu erreichen. Es ist schön, sich einen Fernwanderweg zur Lebensaufgabe zu machen. Es warten noch große Teile Spaniens, Ungarns, Serbiens, Bulgariens und Griechenlands.

Der Weg ruft und der Wanderer wird weiter wandern. Für ein vereintes Europa und für die Schönheit des Weges – bei Regen, Wind und Sonnenschein!

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